Zwischen Spott und Realität: Ein anderes Bild von Deutschland

Hand aufs Herz: Wer wusste, dass Teile von The Hunger Games: Mockingjay in Berlin und Brandenburg gedreht wurden? Dass Keanu Reeves für Matrix Resurrections und John Wick: Chapter 4 in Berlin und Babelsberg vor der Kamera stand? Dass Marvel für Captain America: Civil War nach Deutschland kam?
Ich wusste es nicht.
Und ich vermute, dass es vielen so geht.
Dabei ist die Liste bemerkenswert. Atomic Blonde entstand zu großen Teilen in Berlin und Babelsberg. Steven Spielberg drehte Bridge of Spies hier. Uncharted mit Tom Holland und Mark Wahlberg wurde teilweise in Babelsberg und Berlin produziert. Für The Hunger Games: The Ballad of Songbirds & Snakes kam das Franchise erneut nach Deutschland. Und selbst eine komplette Staffel der amerikanischen Erfolgsserie Homeland wurde in Berlin gedreht.
Auch Quentin Tarantino produzierte Inglourious Basterds mit Studio Babelsberg und drehte in Berlin und Brandenburg. Das liegt zwar schon etwas länger zurück, zeigt aber, dass dies keine zufällige Momentaufnahme ist.
Babelsberg gehört seit vielen Jahren zu den international gefragten Produktionsstandorten.
Und plötzlich stellt sich eine interessante Frage:
Warum wissen wir eigentlich so wenig davon?
Hollywood kommt nicht aus Höflichkeit
Wenn Keanu Reeves, Jennifer Lawrence, Tom Holland oder Charlize Theron in Berlin vor der Kamera stehen, ist das natürlich eine hübsche Randnotiz.
Aber darum geht es eigentlich nicht.
Hollywood kommt nicht nach Deutschland, weil es Deutschland einen Gefallen tun möchte. Internationale Filmstudios bewegen Budgets von teilweise Hunderten Millionen Dollar und treffen ihre Standortentscheidungen ziemlich nüchtern.
Sie brauchen hochqualifizierte Crews. Kameraleute, Beleuchter, Szenenbildner, Kostümbildner, Stuntteams, Spezialisten für visuelle Effekte, Kulissenbauer, Tonstudios und Postproduktion. Sie brauchen riesige Studios und eine Infrastruktur, die Produktionen dieser Größenordnung zuverlässig bewältigen kann.
Und offenbar findet Hollywood all das vor den Toren Berlins.
Hinzu kommt Berlin selbst. Eine Stadt, die filmisch erstaunlich viele andere Orte spielen kann. Historische Straßenzüge, monumentale Architektur, Industriebrachen, DDR-Moderne, moderne Glasfassaden – manchmal erkennt selbst der Berliner seine eigene Stadt auf der Leinwand nicht wieder.
Vielleicht liegt genau darin eine gewisse Ironie.
Berlin kann im Kino fast alles darstellen. Nur das Bild, das wir uns inzwischen manchmal von Berlin selbst machen, scheint erstaunlich wenig mit dieser internationalen Wahrnehmung zu tun zu haben.
Das angeblich heruntergewirtschaftete Land
Denn parallel dazu hören wir seit Jahren eine völlig andere Geschichte über Deutschland.
Deutschland sei wirtschaftlich am Ende. International bedeutungslos. Berlin sei eine gescheiterte Hauptstadt. Bei uns funktioniere nichts mehr. Andere Länder nähmen uns nicht mehr ernst.
Und immer wieder dieser eine Satz:
„Die ganze Welt lacht über Deutschland.“
Vor allem von rechts wird dieses Bild inzwischen mit erstaunlicher Konsequenz gezeichnet. Deutschland erscheint dort kaum noch als ein Land mit Problemen, sondern als ein Land im Niedergang.
Natürlich gibt es Probleme.
Wer regelmäßig mit der Deutschen Bahn fährt, braucht keine politische Partei, die ihm erklärt, dass unsere Infrastruktur an vielen Stellen besser funktionieren müsste. Wir haben marode Brücken, eine teilweise absurde Bürokratie, Defizite bei der Digitalisierung, Wohnungsmangel, wirtschaftliche Herausforderungen und eine Verwaltung, die Menschen zur Verzweiflung bringen kann.
Auch Berlin ist keine perfekt funktionierende Stadt.
Aber zwischen
„Dieses Land hat erhebliche Probleme“
und
„Dieses Land ist heruntergewirtschaftet und die Welt lacht über uns“
liegt ein gewaltiger Unterschied.
Das eine ist Kritik.
Das andere ist eine Erzählung.
Wir dürfen stolz auf dieses Land sein
Vielleicht haben wir uns angewöhnt, über Deutschland fast ausschließlich darüber zu sprechen, was nicht funktioniert.
Dabei gibt es unglaublich vieles, auf das wir stolz sein können und auch stolz sein dürfen.
Deutschland gehört weiterhin zu den größten Volkswirtschaften der Welt. Wir besitzen einen international erfolgreichen Mittelstand und hochspezialisierte Industrieunternehmen. Deutsche Forschungseinrichtungen und Universitäten arbeiten auf internationalem Niveau. Unsere Kulturlandschaft mit Theatern, Orchestern, Museen und Bibliotheken ist außergewöhnlich dicht.
Wir leben in einer Demokratie mit unabhängigen Gerichten, freier Presse und einem Sozialstaat, um den uns viele Menschen auf der Welt beneiden.
Und dann gibt es diese Dinge, die wir selbst kaum wahrnehmen.
Wie Babelsberg.
Ein Filmstudio vor den Toren Berlins, dem internationale Produzenten ihre größten Projekte anvertrauen.
Hunger Games.
Matrix.
John Wick.
Captain America.
Uncharted.
Steven Spielberg. Quentin Tarantino. Wes Anderson.
Vielleicht erscheint das nebensächlich. Aber es erzählt etwas über dieses Land.
Denn niemand investiert Millionen in Deutschland, weil er uns aufmuntern möchte.
Man tut es, weil Menschen hier etwas können.
Eine Amerikanerin am Grand Canyon
Vor vielen Jahren hatte ich eine Begegnung, an die ich in diesem Zusammenhang wieder denken musste.
Ich war in den USA und stand am Grand Canyon.
Wer einmal dort gestanden hat, kennt vielleicht dieses Gefühl. Man schaut in diese unvorstellbare Landschaft und begreift für einen Moment überhaupt nicht, wie gewaltig sie ist.
Neben mir stand ein älteres amerikanisches Ehepaar.
Ich war so beeindruckt, dass ich irgendwann mehr zu mir selbst als zu den beiden sagte:
„Was für ein wunderbares Land.“
Die ältere Dame hörte meinen Akzent.
Sie sah mich an und fragte:
„Sie kommen aus Deutschland?“
Ich sagte ja.
Und ihre Antwort überraschte mich.
„Das ist ein tolles Land.“
Ich weiß noch, dass ich sie tatsächlich fragte:
„Warum?“
Daraufhin erzählte sie mir von ihrer Reise durch Deutschland.
Von den Burgen. Von den alten Städten und Fachwerkhäusern. Von Kunst und Literatur. Von einer Geschichte, die über Jahrhunderte gewachsen und bis heute überall sichtbar sei.
Sie sprach dabei ausdrücklich nicht vom Nationalsozialismus. Und auch ihre eigene amerikanische Geschichte betrachtete sie keineswegs unkritisch. Sie sagte sinngemäß, dass die europäischen Siedler ein Land in Besitz genommen hätten, das bereits von indigenen Völkern bewohnt gewesen sei. Das sei für sie nichts, womit Amerika sich gegenüber anderen Ländern brüsten könne.
Natürlich war das ihre persönliche Sicht auf Geschichte.
Aber ein anderer Teil dieser Begegnung ist mir geblieben.
Ich stand vor einem der größten Naturwunder dieser Erde und bewunderte Amerika. Und eine Amerikanerin stand neben mir und erinnerte mich daran, Deutschland zu bewundern.
Vielleicht haben wir etwas verlernt
Manchmal frage ich mich, ob wir Deutschen Schwierigkeiten damit haben, unser eigenes Land zu mögen.
Vielleicht hat das nachvollziehbare historische Gründe.
Deutscher Nationalismus hat unermessliches Leid über Europa und die Welt gebracht. Gerade deshalb gehört es zu unserer Verantwortung, niemals zu vergessen, wohin Überlegenheitsdenken, Nationalismus und Menschenverachtung führen können.
Aber daraus muss nicht folgen, dass wir auf dieses Land nicht stolz sein dürfen.
Im Gegenteil.
Wir können stolz darauf sein, dass nach der Katastrophe des Nationalsozialismus eine demokratische Bundesrepublik entstanden ist, deren Grundgesetz mit einem der vielleicht wichtigsten Sätze beginnt, die ein Staat über sich selbst sagen kann:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Wir können stolz auf Bach und Beethoven, Goethe und Schiller, auf Bauhaus und Gutenberg sein.
Wir können stolz auf unsere Städte, unsere Landschaften, unsere Wissenschaft, unsere Kultur und auf Menschen sein, die dieses Land jeden Tag am Laufen halten.
Und wir können gleichzeitig darüber fluchen, dass ein Faxgerät in irgendeiner deutschen Behörde noch immer als Digitalisierung gilt.
Das widerspricht sich nicht.
Kritik und Stolz schließen einander nicht aus.
Vielleicht ist sogar das Gegenteil richtig.
Wer sein Land wirklich schätzt, muss seine Probleme nicht leugnen. Er möchte, dass es besser wird.
Was ist das eigentlich für ein Patriotismus?
Deshalb irritiert mich eine Entwicklung besonders.
Ausgerechnet diejenigen, die besonders häufig von Vaterland, Nationalstolz und Patriotismus sprechen, zeichnen teilweise eines der düstersten Bilder dieses Landes.
Deutschland sei kaputt.
Deutschland sei verloren.
Deutschland sei nicht mehr Deutschland.
Unsere Städte seien heruntergekommen, unsere Wirtschaft zerstört, unsere Gesellschaft gescheitert und international seien wir zur Lachnummer geworden.
Da stellt sich irgendwann eine einfache Frage:
Was ist das eigentlich für ein Patriotismus, der sein eigenes Land fast nur noch verachtet?
Vielleicht besteht Patriotismus gerade nicht darin, Deutschland größer zu machen, als es ist.
Aber eben auch nicht darin, es kleiner zu machen.
Vielleicht bedeutet ein erwachsenes Verhältnis zum eigenen Land, beides gleichzeitig auszuhalten:
zu sehen, was nicht funktioniert – und trotzdem zu wissen, was dieses Land kann.
Und dann ist da wieder Babelsberg
Vielleicht musste ich deshalb ausgerechnet bei The Hunger Games über Deutschland nachdenken.
Weil ich nicht wusste, dass diese Filme teilweise hier entstanden sind.
Ich wusste nicht, wie viele internationale Großproduktionen in Berlin und Babelsberg realisiert wurden.
Und vermutlich wissen es viele andere ebenfalls nicht.
Wir sehen Berlin auf der Leinwand und halten es für irgendeinen anderen Ort.
Vielleicht passiert uns mit Deutschland manchmal etwas Ähnliches.
Wir schauen jeden Tag auf das, was nicht funktioniert. Auf die nächste Zugverspätung, die nächste politische Krise, die nächste schlechte Wirtschaftszahl, die nächste dysfunktionale Behörde.
All das ist real.
Aber es ist eben nicht die ganze Realität.
Daneben existiert ein anderes Deutschland.
Ein Land mit enormem Wissen und Können. Mit Geschichte und Kultur. Mit wirtschaftlicher Kraft, Kreativität und Forschung. Mit einer Demokratie, die trotz aller Spannungen seit mehr als sieben Jahrzehnten Bestand hat.
Ein Land, in das Menschen reisen und Dinge entdecken, die wir selbst kaum noch wahrnehmen.
Manchmal braucht es offenbar eine amerikanische Dame am Grand Canyon, um einen daran zu erinnern.
Und manchmal reicht Keanu Reeves in Babelsberg.
Wie passt dieses Deutschland eigentlich zu jenem angeblich international bedeutungslosen, heruntergewirtschafteten Land, über das – so wird uns erzählt – „die ganze Welt nur noch lacht“?
Vielleicht passt es überhaupt nicht.
Denn vielleicht lacht die Welt viel weniger über uns, als manche Deutsche uns glauben machen wollen.



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