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Wenn Kriminalität einen arabischen Nachnamen trägt, nennen wir sie „Clan“

19. Okt.
5 Min. Lesezeit

Trägt das Netzwerk einen traditionsreichen deutschen Namen, sprechen wir von einer Affäre


Über Berliner Dammbrüche, konservative Empörung und die Affären der feinen Leute

Einordnung-Kachel „Clan oder Affäre?“: Zwei ähnlich aufgebaute Netzwerke werden unter einer Lupe unterschiedlich bezeichnet. Eine Waage vor dem Reichstag symbolisiert den doppelten Maßstab bei der Bewertung organisierter Kriminalität.

Berlin im Herbst 2026. Linke, Grüne und SPD legen ein Sondierungspapier vor – und in konservativen Netzwerken bricht augenblicklich das Abendland zusammen.


Von einem „extremistischen Programm“ ist die Rede, von der angeblich gefährlichsten Partei Deutschlands, von „Islamo-Gauchismus“ und von Zuständen wie in Frankreich. Bilder brennender Straßen werden beschworen. Wer nicht in die allgemeine Erregung einstimmt, soll für das, „was daraus folgt“, gleich mitverantwortlich sein.


Als Beleg dienen Antisemitismusvorwürfe innerhalb der Linken, der Kontakt eines Abgeordneten zu einem Angehörigen der Familie Remmo und der Besuch von Issa Remmo bei einer Neuköllner Wahlparty. Darüber muss gesprochen werden. Die Linke muss sich zu Antisemitismus und organisierter Kriminalität unmissverständlich verhalten. Weder eine linke Haltung noch Kritik an der Regierung Netanjahu dürfen als Deckmantel für Judenhass, Terrorverherrlichung oder persönliche Verbindungen in kriminelle Milieus dienen.


Aber die bloße Anwesenheit eines Angehörigen der Familie Remmo auf einer Wahlparty macht noch keine ganze Partei zum politischen Arm organisierter Kriminalität. Ein Kontakt muss aufgeklärt werden – er ist jedoch kein Beweis für die behauptete Unterwanderung einer Partei.


Und damit beginnt das eigentliche Thema: die Mechanik selektiver Empörung.

Wo war dieser flächendeckende Alarmismus bei der Maskenaffäre in den eigenen Reihen? Der frühere CSU-Bundestagsabgeordnete Georg Nüßlein erhielt 660.000 Euro, der ehemalige bayerische Justizminister und CSU-Abgeordnete Alfred Sauter rund 1,2 Millionen Euro für die Vermittlung von Maskengeschäften. Strafbar war das nach der damals geltenden Fassung des Abgeordnetenbestechungsparagrafen nicht, weil die Vermittlung gegenüber Ministerien nicht zur parlamentarischen Tätigkeit gerechnet wurde. Das Geld durften beide behalten. Politisch und moralisch bleibt die Frage, weshalb Mandatsträger während einer nationalen Notlage ihre Kontakte für derart hohe Provisionen einsetzen konnten.


Es gab darüber zu Recht Empörung. Aber niemand erklärte deshalb die gesamte CSU zur kriminellen Partei. Niemand warnte vor bayerischen Clanstrukturen oder vor brennenden Straßen in München.


Und die gescheiterte Pkw-Maut? Sie kostete den Bund nicht Milliarden, wie gelegentlich behauptet wird, aber allein 243 Millionen Euro Schadenersatz an die vorgesehenen Betreiber – weil Verträge abgeschlossen worden waren, bevor der Europäische Gerichtshof entschieden hatte. Hinzu kamen weitere Planungs-, Beratungs- und Verfahrenskosten. Der damalige Verkehrsminister Andreas Scheuer steht inzwischen wegen des Vorwurfs einer Falschaussage vor dem Untersuchungsausschuss vor Gericht; er bestreitet den Vorwurf.

Auch hier muss man sauber unterscheiden: Politisches Versagen ist nicht automatisch Kriminalität. Aber wer bei linken Vorhaben jede juristische Streitfrage sofort zum „Extremismus“ erklärt, kann bei millionenschweren Fehlentscheidungen der eigenen politischen Familie nicht plötzlich auf größtmöglicher sprachlicher Zurückhaltung bestehen.

Genau dort liegt der doppelte Maßstab:

Wenn Kriminalität einen arabischen Nachnamen trägt, nennen wir sie „Clan“. Trägt das Netzwerk einen traditionsreichen deutschen Namen, sprechen wir von einer Affäre.

Dieser Vergleich ist provokant. Er soll es sein.


Er bedeutet nicht, dass eine Schutzgelderpressung, ein Kunstraub, fragwürdige Parteispenden und milliardenschwerer Steuerbetrug dasselbe sind. Er bedeutet auch nicht, dass jedes Mitglied einer arabischen Großfamilie kriminell wäre – ebenso wenig wie jedes Mitglied einer deutschen Unternehmerfamilie für das Handeln eines Unternehmens verantwortlich ist.


Die Provokation richtet sich gegen die unterschiedliche Sprache.


Beim arabischen Namen wird aus einzelnen Tatverdächtigen schnell eine Familie, aus der Familie ein Milieu und aus dem Milieu eine kulturelle Bedrohung. Bei Banken, Konzernen, Kanzleien und politischen Netzwerken lesen wir dagegen von „Einzelfällen“, „Kontroversen“, „Steuergestaltungen“ und „unternehmerischem Fehlverhalten“.


Der eine Täter wird ethnisiert. Der andere individualisiert.


Dabei nennt selbst die Definition organisierter Kriminalität des Bundeskriminalamts keine ethnische Herkunft. Sie beschreibt planmäßiges, arbeitsteiliges Handeln, geschäftsähnliche Strukturen und mögliche Einflussnahme auf Politik, Verwaltung, Justiz oder Wirtschaft.

Schauen wir also dorthin, wo das Wort „Clan“ üblicherweise nicht fällt.



Luxusauto, Parteispende und Reichstagsgebäude sind durch ein Netzwerk verbunden. Eine Lupe steht für die kritische Betrachtung von Autolobby, Parteispenden und politischem Einfluss.

Im Oktober 2013 spendeten Johanna Quandt, Stefan Quandt und Susanne Klatten jeweils 230.000 Euro an die CDU – zusammen 690.000 Euro. Das ist amtlich dokumentiert. Die Spende fiel in die Zeit, in der die Bundesregierung auf europäischer Ebene auf eine Abschwächung strengerer CO₂-Vorgaben für Autos drängte. Einen Beweis für ein Tauschgeschäft gibt es nicht; die Familie erklärte, die Spende sei lange zuvor beschlossen worden. Trotzdem zeigt die zeitliche Nähe, warum Großspenden und exklusiver politischer Zugang kritisch betrachtet werden müssen.


BMW erhielt 2019 außerdem einen Bußgeldbescheid über 8,5 Millionen Euro wegen fahrlässiger Aufsichtspflichtverletzung im Zusammenhang mit unzulässigen Abschalteinrichtungen. Die Staatsanwaltschaft stellte allerdings keinen vorsätzlichen Betrug fest. Auch diese Einschränkung gehört zur Wahrheit.


Niemand sollte daraus eine pauschale strafrechtliche Schuld der Familie Quandt konstruieren. Aber man darf fragen, weshalb ein Geflecht aus enormem Vermögen, Parteispenden, wirtschaftlichen Interessen und politischem Zugang ausschließlich als normaler Lobbyismus behandelt wird, während bei weniger privilegierten Familien schon der Nachname als kriminalpolitische Kategorie dient.



Schaubild zum Cum-Ex-System mit Bankgebäude, Aktienpapier und mehreren Steuerbelegen. Pfeile zeigen, wie aus einem Vorgang mehrfach Steuererstattungen beansprucht wurden.

Beim Traditionsnamen Warburg geht es nicht mehr nur um politische Nähe.


Cum-Ex war kein clever genutztes Steuerschlupfloch, sondern strafbare Steuerhinterziehung. Banken, Aktienhändler, Anwälte und Berater organisierten Geschäfte, mit denen sie sich Kapitalertragsteuer erstatten ließen, die zuvor nicht gezahlt worden war. Gegen die Warburg-Gruppe wurde die Einziehung von rund 176,5 Millionen Euro angeordnet. Der Bundesgerichtshof bestätigte die Strafbarkeit; eine Verfassungsbeschwerde gegen die Einziehung blieb erfolglos.


Die häufig genannten 150 Milliarden Euro beziehen sich allerdings nicht allein auf Deutschland oder die Warburg-Bank, sondern auf eine Schätzung für Cum-Ex, Cum-Cum und verwandte Geschäfte in zwölf Ländern über rund zwei Jahrzehnte. Die korrekte Einordnung macht den Vorgang nicht weniger ungeheuerlich.



G36-Gewehrzeichnung, Exportkisten und eine Endverbleibserklärung neben einer Karte mit der Route von Deutschland nach Mexiko. Eine Lupe symbolisiert die Kontrolle illegaler Waffenexporte.

Auch die deutsche Rüstungsindustrie liefert ein Beispiel für die vornehme Sprache.

Das Landgericht Stuttgart verurteilte 2019 zwei frühere Beschäftigte von Heckler & Koch wegen illegaler Waffenexporte beziehungsweise Beihilfe dazu zu Bewährungsstrafen. Tausende Sturmgewehre und Magazine waren nach Mexiko geliefert und in Bundesstaaten weitergegeben worden, für die keine Genehmigung bestand. Deutschen Behörden waren dafür unrichtige Endverbleibserklärungen vorgelegt worden. Drei weitere Angeklagte wurden freigesprochen.


Wir nennen das einen „Rüstungsskandal“ oder eine „Exportaffäre“. Niemand leitet daraus eine kulturelle Eigenschaft deutscher Unternehmer oder ihrer Familien ab. Und das ist richtig. Nur sollte dieselbe Zurückhaltung für alle gelten.



Wie selektiv politische Aufmerksamkeit verteilt wird, zeigte eine Untersuchung der Hochschule Macromedia und der Universität Leipzig. Analysiert wurden 242 AfD-Pressemitteilungen über Kriminalität aus dem Jahr 2018. In 95 Prozent der beschriebenen Fälle standen ausländische Tatverdächtige im Mittelpunkt, in fünf Prozent deutsche. Die Untersuchung sagt nichts über jede heutige Veröffentlichung der Partei aus. Sie zeigt aber, wie konsequent Kriminalität danach ausgewählt werden kann, ob sie in das Bild vom gefährlichen Fremden passt.


Der Kioskräuber liefert ein Fahndungsfoto. Vor der Shisha-Bar lässt sich eine Polizeirazzia filmen. Ein Netzwerk aus Bankern, Anwälten, Beratern und politischen Kontakten produziert dagegen Aktenordner, Untersuchungsausschüsse und jahrelange Verfahren.


So entsteht der Eindruck, die größte Gefahr für den Rechtsstaat trage Trainingsanzug, Goldkette und arabischen Nachnamen. Die finanziell folgenreichere Schädigung des Gemeinwesens trägt jedoch häufig Maßanzug, spricht die Sprache der Steueroptimierung und verfügt über Telefonnummern, die gewöhnliche Bürger niemals bekommen.


Kriminalität darf niemals kleingeredet werden – egal, welchen Namen sie trägt, woher die Täter kommen und in welchem gesellschaftlichen Milieu sie sich bewegen. Ein bedrohter Gastronom hat keinen geringeren Anspruch auf Schutz, nur weil anderswo Millionen verschwinden. Der Rechtsstaat muss gegen Schutzgelderpresser ebenso vorgehen wie gegen Steuerbetrüger, korrupte Netzwerke und illegale Waffengeschäfte.


Aber auch die Empörung muss denselben Maßstab kennen.


Wer wegen eines Remmo-Gastes bei einer Wahlparty eine ganze Partei unter Generalverdacht stellt, bei millionenschweren Provisionen in den eigenen Reihen aber nur bedauerliche Einzelfälle erkennt, bekämpft nicht konsequent Kriminalität.


Er betreibt Kulturkampf.


Vielleicht sollten wir nicht weniger über Clan-Kriminalität sprechen. Vielleicht sollten wir endlich darüber sprechen, warum manche Netzwerke „Clan“ heißen – und andere trotz des ungleich größeren Schadens nur „Affäre“.

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