Es geht nicht um Antisemitismus. Es geht um Macht.
Die Kampagne gegen Elif Eralp benutzt Judenhass und Clankriminalität als Waffen. Ihr eigentliches Ziel ist die politische Vernichtung einer Frau – und die Verhinderung sozialer Politik.

Seit dem Wahlsieg der Linken in Berlin wird so getan, als habe die Stadt nicht über Mieten, Wohnungsnot und soziale Sicherheit abgestimmt, sondern über Hamas, Clans und die Wiedereinführung der DDR.
Elif Eralp wird nicht mehr an ihrem Programm gemessen. Sie soll plötzlich für alles stehen, was Konservative ihrem Publikum als Bedrohung präsentieren: Antisemitismus, Islamismus, Clankriminalität, Sozialismus und Kontrollverlust.
Aus einer vertraulichen Anmerkung zur Sicherheit ihrer Familie wurde eine Geschichte über Angst und angebliche Regierungsunfähigkeit. Aus Clan-Angehörigen auf einer Wahlparty wurde eine politische Allianz. Aus den Äußerungen einzelner Personen wurde das Wesen einer ganzen Partei.
Das ist keine nüchterne Prüfung. Das ist eine politische Hinrichtung auf Raten.
Der Maßstab gilt immer nur für die anderen
Antisemitismus ist real, gefährlich und muss bekämpft werden – ob er von rechts, links, aus islamistischen Milieus oder aus der Mitte kommt. Doch hier wird er nicht konsequent bekämpft, sondern selektiv benutzt.
Die CDU selbst warf Hans-Georg Maaßen eine Sprache aus dem Milieu von Antisemiten und Verschwörungsideologen vor. Trotzdem scheiterte sein Parteiausschluss zunächst.
Noch deutlicher ist der Fall Ulrich Vosgerau. Der AfD-Anwalt, Teilnehmer des Potsdamer Treffens und weiterhin Mitglied der Berliner CDU schrieb über jüdische Studierende, es sei „wirklich schade“, dass sie nicht „mit dem Polizeiknüppel durch die Straßen gejagt worden“ seien. Zudem bezeichnete er sie in Anlehnung an einen NS-Propagandafilm als „Synagogen-Quexe“. Später löschte er den Beitrag und sprach von einer unglücklichen Wortwahl.
Berlins CDU-Chef Stefan Evers, der die Linke regelmäßig als „in Teilen antisemitisch“ bezeichnet, äußerte sich dazu nicht persönlich. Der Landesverband nannte die Worte erschreckend, ließ aber offen, ob ein Ausschlussverfahren folgt.
Auch bei der angeblichen Clan-Nähe gilt zweierlei Maß. Im Januar 2025 besuchte Issa Remmo das Berliner Abgeordnetenhaus. Ermöglicht hatte die Führung der CDU-Abgeordnete Christian Zander; es entstanden gemeinsame Fotos. Zander erklärte, er habe von Remmos Teilnahme nichts gewusst. Das durfte kritisch hinterfragt werden. Aber niemand erklärte deshalb die gesamte CDU zum politischen Arm des Remmo-Clans.
Bei Elif Eralp genügt dagegen die Anwesenheit eines Clan-Angehörigen auf einer Wahlparty, um Stimmenhandel, Absprachen und Gegenleistungen zu erfinden. Das Bild ersetzt den Beweis, die Wiederholung die Recherche.
Das ist kein Kampf gegen Antisemitismus oder Clankriminalität. Das ist parteipolitische Doppelmoral.
Die eigentliche Angst heißt soziale Politik
Die Linke gewann die Berliner Wahl nicht mit antisemitischen Parolen oder Clan-Chefs. Sie gewann, weil sie über das sprach, was viele Menschen existenziell beschäftigt: unbezahlbare Mieten, fehlende Wohnungen und soziale Sicherheit.
Genau darüber möchte die sogenannte bürgerliche Mitte möglichst wenig reden. Denn dann müsste sie erklären, warum Menschen trotz Arbeit keine Wohnung finden, Familien aus ihren Vierteln verdrängt werden und Immobilienkonzerne hohe Renditen erzielen, während Mieter immer größere Teile ihres Einkommens für ein Grundbedürfnis ausgeben.
Stattdessen werden „Antisemitismus“, „Clan-Nähe“, „SED“ und „Extremismus“ zu einer Kampagnenmasse verrührt, bis über das eigentliche Wahlergebnis niemand mehr spricht.
Diese bürgerliche Mitte ist nicht kümmerlich, weil sie konservativ ist. Sie ist kümmerlich, weil sie ihre eigenen Maßstäbe preisgibt, sobald ihre Macht gefährdet ist. Bei Maaßen wurde gezögert. Bei Vosgerau wird weggesehen. Beim CDU-Kontakt zu Issa Remmo wird differenziert. Bei Elif Eralp reichen Kontakte Dritter und eine vertrauliche Sicherheitsnotiz, um ihre gesamte Integrität infrage zu stellen.
Die Angst gilt nicht der Wiederkehr des Kommunismus. Die Linke hat in mehreren Bundesländern mitregiert und in Thüringen fast zehn Jahre den Ministerpräsidenten gestellt. Nirgendwo wurden freie Wahlen abgeschafft oder die DDR neu gegründet.
Die wirkliche Angst ist banaler: Eine linke Regierung könnte Mieterschutz verschärfen, Vergesellschaftung ernsthaft prüfen und soziale Interessen höher gewichten als Immobilienrenditen. Und sie könnte damit erfolgreich sein.
Eine Politikerin soll vernichtet werden
Natürlich darf Elif Eralp kritisiert werden. Ihre frühere Mitgliedschaft in der Roten Hilfe, ihre Positionen und der Umgang der Linken mit antisemitischen Grenzüberschreitungen gehören in die Debatte.
Aber darum geht es längst nicht mehr.
Wer die Sorge um ihre Familie zur Führungsschwäche erklärt und jede erfundene Clan-Verbindung weiterträgt, hilft bei der politischen Vernichtung einer Frau. Unter meinem ersten Beitrag wurde Eralp als „Ratte“, „Gesindel“ und angebliche Clankriminelle beschimpft.
Menschen wünschten ihr weitere Angst, wollten ihr Polizeischutz verweigern oder sie „aus dem Land jagen“. Andere fantasierten davon, Clan-Mitglieder würden sich nun um sie und ihre Familie „kümmern“.
Das ist das Ergebnis einer Kampagne, die eine demokratisch gewählte Politikerin so lange zur Gefahr, Verräterin und Komplizin erklärt, bis manche glauben, gegen sie sei jedes Mittel erlaubt.
Wer Antisemitismus nur entdeckt, wenn er sich gegen eine linke Wahlsiegerin verwenden lässt, schützt keine Jüdinnen und Juden. Er benutzt jüdisches Leben als Munition. Wer Clan-Nähe nur bei politischen Gegnern skandalisiert, verteidigt nicht den Rechtsstaat. Er verteidigt seine Macht.
Man darf gegen Vergesellschaftung, Mietendeckel und Rot-Rot-Grün kämpfen. Dann soll man diesen Streit offen führen. Wer stattdessen Antisemitismus und Clankriminalität
instrumentalisiert, um eine Politikerin zu zerstören und soziale Politik zu verhindern, offenbart die inhaltliche und moralische Leere dieser kümmerlichen bürgerlichen Mitte.
Pfuiteufel.
Quellenhinweise
Wahlanalyse der Berliner Abgeordnetenhauswahl 2026 – Konrad-Adenauer-Stiftung
Warum Die Linke in Berlin vorne liegt – tagesschau.de
CDU und Maaßen – Deutschlandfunk
Ulrich Vosgeraus Äußerungen über jüdische Studierende – Jüdische Allgemeine
Issa Remmo im Berliner Abgeordnetenhaus – Tagesspiegel



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