Die Treibjagd auf Elif Eralp
Nicht die Angst einer Politikerin ist der Skandal – sondern wie Medien und politische Gegner sie zur Waffe gegen sie machen

Foto: Ferran Cornellà, „Elif Eralp, 13.12.25“, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0; Ausschnitt und Gestaltung: Einordnung. Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/
Es gibt Momente, in denen man nicht mehr höflich abwägen, nicht noch ein „andererseits“ hinterherschieben und nicht so tun sollte, als läge die Wahrheit irgendwo bequem in der Mitte.
Was hier mit Elif Eralp geschieht, ist ein solcher Moment.
Eine Politikerin äußert in einer internen, nicht zur Veröffentlichung bestimmten Anmerkung Sorge um ihre Familie. Sie verweist darauf, dass ihr das Landeskriminalamt empfohlen habe, keine konkreten Namen zu nennen. Ihr Team bittet ausdrücklich darum, ihre persönlichen Sicherheitsinteressen zu berücksichtigen.
Und was geschieht?
Der Spiegel veröffentlicht die vertraulichen Überlegungen trotzdem. Andere Medien greifen sie auf. Konservative Politiker stürzen sich darauf. Plötzlich ist nicht mehr die mögliche Bedrohung der Skandal, sondern die Angst der Bedrohten.
Man muss es so deutlich sagen: Hier wird eine Frau politisch zur Schlachtbank geführt – und ein Teil der Medien liefert auch noch die Messer.
Der Spiegel macht aus Angst Munition
Elif Eralp hatte dem Spiegel ein Interview gegeben. Wie bei Wortlautinterviews üblich, erhielt ihr Team den Text zur Autorisierung. Bei der Rücksendung blieben versehentlich interne Kommentare im Dokument stehen.
Eralp wollte eine Passage nicht freigeben, in der Ibrahim Ibrahim namentlich genannt wurde. In ihrer internen Begründung schrieb sie, sie und ihr Mann hätten Angst vor diesen Leuten. Sie erinnerte daran, dass das Landeskriminalamt ihr früher geraten habe, grundsätzlich keine konkreten Namen zu nennen. Sie könne sich und ihre Familie nicht für den Spiegel in Gefahr bringen.
Das war keine öffentliche Erklärung. Es war kein Teil des Interviews. Es war ein vertraulicher Gedankenaustausch im Rahmen der Autorisierung. Und der Spiegel wusste ganz genau, warum Eralp um Zurückhaltung bat.
Die Redaktion veröffentlichte die Anmerkungen trotzdem. Angeblich sei deren „politische Tragweite“ größer als Eralps Sicherheitsinteresse.
Was für eine kalte, selbstgerechte Begründung.
Man nimmt die Angst einer Frau um ihre Familie, stellt sie öffentlich aus und erklärt anschließend, die öffentliche Bloßstellung sei im politischen Interesse notwendig gewesen. Das ist keine mutige Enthüllung. Das ist die rücksichtslose Verwertung eines Versehens.
Der Taz-Journalist Felix Zimmermann kritisierte im Deutschlandfunk, dass Kommunikation innerhalb einer Autorisierungsschleife vertraulich behandelt werden müsse. Das Vorgehen des Spiegel beschädige das Vertrauen in den Journalismus insgesamt.
Genau das tut es.
Wer künftig einem Journalisten ein Interview gibt, muss sich nun fragen, ob ein versehentlich stehen gebliebener interner Kommentar am nächsten Morgen zur Schlagzeile wird. Nicht, weil er eine Straftat enthüllt. Nicht, weil er eine Lüge beweist. Sondern weil sich aus einer privaten Sorge eine möglichst knallige Geschichte bauen lässt.
Und dann beginnt das politische Ausschlachten
Kaum lag das Stück Fleisch auf dem Tisch, fiel die Meute darüber her.
T-online erklärte, eine Mail entlarve die „Lebenslüge der Linken“. Die Süddeutsche Zeitung fragte, ob eine Frau, die so viel Angst habe, Regierende Bürgermeisterin sein könne. Michael Müller erklärte Eralp für möglicherweise „erpressbar“. CDU-Chef Stefan Evers stellte infrage, wie sie für die Sicherheit der Berliner sorgen wolle, wenn sie sich selbst bedroht fühle.
Wie erbärmlich ist das eigentlich?
Eine Politikerin sorgt sich um ihre Familie – und erwachsene Männer erklären daraus ihre Amtsunfähigkeit. Eine Frau nimmt eine mögliche Gefahr ernst – und dieselben politischen Kreise, die sonst ständig nach „Law and Order“ rufen, machen ihr genau das zum Vorwurf.
Was hätte Eralp tun sollen? Den Rat der Sicherheitsbehörden ignorieren? Ihre Familie demonstrativ gefährden? In die Kamera lächeln und so tun, als könnten Drohungen ihr nichts anhaben, damit konservative Politiker ihr Führungsstärke bescheinigen?
Seit wann besteht politische Eignung darin, keine Angst mehr empfinden zu dürfen?
Walter Lübcke wurde auf seiner eigenen Terrasse erschossen. Politikerinnen und Politiker werden bedroht, verfolgt und vor ihren Wohnhäusern aufgesucht. Ihre Partner und Kinder werden in Hassbotschaften einbezogen. Und angesichts dieser Realität soll die Sorge um Angehörige ein Zeichen von Schwäche sein?
Schämt euch.
Wer die Bedrohte bestraft, belohnt den Bedroher
Die Folgen dieser Kampagne sind weit größer als der persönliche Schaden für Elif Eralp.
Wenn die glaubhafte Sorge um die eigene Familie genügt, um eine Politikerin für „erpressbar“ und regierungsunfähig zu erklären, dann wird Einschüchterung zum erfolgreichen politischen Instrument.
Die Botschaft an Extremisten lautet dann:
Bedroht eine Politikerin. Zieht ihre Familie hinein. Sorgt dafür, dass sie ihre Worte abwägt. Sobald sie Vorsicht zeigt, erklären Medien und politische Gegner diese Vorsicht zur Schwäche. Ihr müsst sie nicht demokratisch besiegen – ihr müsst ihr nur genügend Angst machen.
Und die Botschaft an Politikerinnen und Politiker lautet:
Verbergt eure Angst. Redet nicht über Bedrohungen. Vertraut Journalisten keine Sicherheitsbedenken an. Denn nicht die Täter müssen am Ende mit Konsequenzen rechnen, sondern ihr selbst.
Das ist pervers.
Wer die Angst der Bedrohten gegen sie verwendet, stellt sich nicht schützend vor die Demokratie. Er vollendet das Werk der Einschüchterer.
Ja, die Linke muss sich erklären – aber nicht dafür
Natürlich muss aufgeklärt werden, warum Ibrahim Ibrahim bei einer Wahlfeier der Linken auftauchte. Natürlich muss die Partei erklären, wie sie mit antisemitischen Äußerungen, Terrorverherrlichung und Kontakten zu extremistischen Akteuren umgeht.
Darüber darf es keine falsche Rücksichtnahme geben.
Aber Elif Eralps Sorge um ihre Familie ist kein Beweis für Antisemitismus, keine Nähe zur Hamas und keine Duldung extremistischer Strukturen. Wer diese völlig unterschiedlichen Fragen vermischt, will nicht aufklären. Er will beschädigen.
Man kann die Linke für problematische Kontakte kritisieren, ohne eine bedrohte Frau öffentlich vorzuführen. Man kann konsequentes Handeln verlangen, ohne Menschlichkeit zur Charakterschwäche umzudeuten.
Und man kann über politische Verantwortung sprechen, ohne sich wie ein Rudel auf jemanden zu stürzen, dessen einzige „Enthüllung“ darin besteht, dass sie ihren Mann und ihre Familie schützen möchte.
Eralp hat sich nicht versteckt
Elif Eralp hat sich öffentlich hingestellt und erklärt:
„Ich werde mich von niemandem einschüchtern lassen.“
Sie kündigte an, konsequent gegen organisierte Kriminalität, Gewalt und Terrorverherrlichung vorzugehen.
Das ist die entscheidende Aussage. Nicht, ob sie Angst empfindet, sondern ob sie trotz dieser Angst handelt.
Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst. Mut bedeutet, sich von ihr nicht beherrschen zu lassen.
Doch offenbar reichte das nicht. Die Geschichte von der ängstlichen und unfähigen Linken war bereits zu verlockend. Zu gut passte sie in die Kampagne gegen eine mögliche rot-rot-grüne Regierung. Zu dankbar ließ sie sich von CDU und anderen Gegnern ausschlachten.
Also wurde nicht mehr eingeordnet. Es wurde zugespitzt, weitergereicht und verurteilt.
Die Schande liegt nicht bei Elif Eralp
Ob der Spiegel die internen Kommentare rechtlich veröffentlichen durfte, werden möglicherweise Gerichte und der Presserat klären. Rechtliche Zulässigkeit und journalistische Anständigkeit sind jedoch nicht dasselbe.
Nicht alles, was möglicherweise erlaubt ist, muss man tun.
Nicht jede Information, die einem versehentlich in die Hände fällt, muss man maximal ausschlachten.
Und nicht jedes menschliche Gefühl einer Politikerin ist Freiwild.
Der Skandal ist nicht, dass Elif Eralp Angst um ihre Familie hat.
Der Skandal ist, dass der Spiegel diese Angst öffentlich ausstellt.
Der Skandal ist, dass andere Medien daraus Führungsunfähigkeit konstruieren.
Der Skandal ist, dass politische Gegner eine mögliche Bedrohung nicht verurteilen, sondern zur willkommenen Waffe gegen die Bedrohte machen.
Und der Skandal ist, mit welcher Selbstverständlichkeit eine Frau, die Schutz für ihre Familie sucht, vor aller Augen demontiert werden soll.
Elif Eralp muss sich für ihre politischen Entscheidungen verantworten. Sie muss sich aber nicht dafür rechtfertigen, ein Mensch zu sein.
Wer ihre Sorge um ihre Familie gegen sie verwendet, hat nicht ihre Schwäche offengelegt.
Er hat seine eigene moralische Verkommenheit gezeigt.



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