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Verbietet die Gen Z? Dann sperrt konsequenterweise auch die Stadien!

vor 4 Tagen
5 Min. Lesezeit

Leute, was stimmt mit euch nicht?


Alexander Dobrindt vor einer friedlichen Gen-Z-Demonstration sowie ein Fußballstadion mit Fans und Polizeikette. Die Kachel hinterfragt den ungleichen politischen Umgang mit Gewalt bei Demonstrationen und Fußballspielen.

In einer nicht repräsentativen ntv-Zuschauerabstimmung stimmen 87 Prozent der Teilnehmenden für ein Verbot weiterer Gen-Z-Demonstrationen.


87 Prozent!


Leute, was stimmt nicht mit euch?


Zehntausende junge Menschen gehen friedlich auf die Straße. Sie demonstrieren für bessere Schulen, ein bezahlbares Leben, soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz und gegen eine Wehrpflicht. Stunden später kapern radikale Gruppen einige dieser Versammlungen, schlagen Schaufenster ein, plündern Geschäfte und greifen Polizisten an.


Und die vermeintlich logische Antwort darauf lautet: Verbietet der Gen Z das Demonstrieren!

Großartig. Wirklich bestechend.


Gewalttäter missbrauchen eine friedliche Demonstration – und zur Strafe soll den friedlichen Demonstrierenden das Grundrecht genommen werden. Nach derselben Logik müssten wir nach jedem Hooligan-Aufmarsch die Bundesliga schließen, sämtliche Stadien versiegeln und Fußballfans das Versammlungsrecht entziehen.


Aber dort funktioniert die Unterscheidung plötzlich hervorragend.


Dort weiß jeder, dass ein Hooligan nicht für Millionen friedliche Fußballfans steht. Dort ist ein Gewalttäter ein Gewalttäter. Dort wird nicht aus jedem fliegenden Pflasterstein eine Charakterstudie über sämtliche Stadionbesucher.


Bei der Gen Z gilt diese Selbstverständlichkeit offenbar nicht.


Da werden aus abendlichen Krawallen plötzlich „die Jugendproteste“. Da wird aus einzelnen Tatverdächtigen ein „migrantisches Milieu“. Da werden friedliche Schülerinnen, Studenten und Auszubildende für Menschen haftbar gemacht, die ihre Demonstrationen gezielt gekapert haben.


Nicht die Täter sollen ihr Recht auf Freiheit verlieren, sondern eine ganze Generation ihr Recht auf Protest.


Das ist keine konsequente Sicherheitspolitik.


Das ist kollektive Bestrafungsfantasie – und eine politische Doppelmoral, die zum Himmel schreit.


Das politisch passende „Milieu“


Bundesinnenminister Alexander Dobrindt erklärte nach den Ausschreitungen, „gewaltbereite linke Gruppen und Chaoten aus dem migrantischen Milieu“ hätten die friedlichen Demonstrationen gekapert.


Der erste Teil seiner Aussage ist entscheidend: Die friedlichen Proteste wurden von anderen Gruppen gekapert. Dobrindt trennt die Jugendlichen also ausdrücklich von den späteren Gewalttätern. www.n-tv.de


Doch dann folgt die politisch verwertbare Etikettierung: das „migrantische Milieu“.

Was soll das sein?


Der in Deutschland geborene Jugendliche mit türkischen Großeltern? Die deutsche Studentin mit arabischem Nachnamen? Menschen ohne deutschen Pass? Oder einfach alle, die für Alexander Dobrindt nicht deutsch genug aussehen?


Zum Zeitpunkt seiner Aussage lagen noch keine validen bundesweiten Zahlen über die Herkunft der Tatverdächtigen vor. Das Bundesinnenministerium musste selbst einräumen, dass eine belastbare Gesamtauswertung fehlte. Mit dem Begriff „migrantisches Milieu“ waren offenbar ganz allgemein Menschen mit Migrationshintergrund gemeint – unabhängig davon, seit wie vielen Generationen ihre Familien in Deutschland leben. taz.de


Erst kam also das Etikett. Die Belege sollten irgendwann nachgeliefert werden.

Selbst aus der Union kam Widerspruch. Norbert Röttgen stellte klar, es gebe nicht das eine Milieu von Migranten. Boris Pistorius fragte zu Recht, wo diese Zuschreibung eigentlich ende: bei Menschen in der zweiten Generation, in der dritten oder erst dann, wenn der Familienname endlich deutsch genug klingt? www.tagesspiegel.de


Wer Straftaten begeht, ist als Täter zu behandeln. Herkunft ersetzt weder Ermittlungen noch Beweise. Ein „Milieu“ ist kein Beschuldigter, den man vor Gericht stellen kann.

Aber Differenzierung stört beim Kulturkampf.


Reden wir über Fußballgewalt


Wenn Ausschreitungen nach Demonstrationen ein Verbot weiterer Demonstrationen rechtfertigen sollen, wenden wir diese Logik doch einmal auf den Fußball an.


Die offizielle Statistik der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze verzeichnet für den Ligabetrieb der ersten drei Fußballligen in der Saison 2024/25 insgesamt 1.107 verletzte Menschen.


Darunter waren:

  • 160 Polizeibeamte,

  • 89 Ordnungskräfte,

  • 624 unbeteiligte Personen.


Einschließlich des DFB-Pokals wurden 5.197 Strafverfahren eingeleitet und 6.028 freiheitsentziehende oder freiheitsbeschränkende Maßnahmen durchgeführt. Die Zahlen sind gegenüber der Vorsaison teilweise gesunken. Das gehört zur Wahrheit. Es ändert jedoch nichts an ihrem erschreckenden Ausmaß. www.presseportal.de


Wo bleibt das Fußballverbot?


Wo bleibt die Forderung nach Bundeswehrsoldaten vor den Stadien?


Und wann erklärt Dobrindt uns endlich das „deutsche männliche Milieu“, aus dem ein großer Teil der gewalttätigen Hooligans stammen dürfte?


Beim Spiel des 1. FC Magdeburg gegen Dynamo Dresden wurden 77 Polizeibeamte verletzt. Die Täter griffen Einsatzkräfte mit Steinen, Pyrotechnik und gefährlichen Gegenständen an. 17 Polizisten mussten im Krankenhaus behandelt werden. Gegen einen Tatverdächtigen wird unter anderem wegen versuchten Mordes ermittelt. polizei.sachsen-anhalt.de


Versuchter Mord an einem Polizeibeamten.


Wo waren anschließend die tagelangen Talkshows über die kulturelle Prägung von Fußballfans? Wo war die Forderung, kommende Spiele vorsorglich zu verbieten? Wo blieb die politische Diagnose über den Zustand einer ganzen Generation deutscher Männer?

Beim Pokalspiel zwischen Waldhof Mannheim und dem 1. FC Kaiserslautern wurden 35 Polizisten verletzt. Insgesamt mussten 85 Menschen medizinisch versorgt werden, acht von ihnen im Krankenhaus. www.presseportal.de


Beim Derby zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach verletzten Pyrotechnik und Knallkörper drei Polizisten, eine Ordnerin, einen Zuschauer und ein Kind. In Münster wurde ein elfjähriger Junge durch Pyrotechnik an den Augen verletzt. Nach der Partie griff eine Gruppe Fans vier weitere Menschen an – darunter einen Minderjährigen. www.presseportal.de


Trotzdem käme kein vernünftiger Mensch auf die Idee, sämtliche Fußballfans für diese Taten verantwortlich zu machen.


Warum auch?


Fußballfans sind keine homogene Masse. Die überwältigende Mehrheit besucht friedlich ein Spiel. Hooligans missbrauchen den Fußball als Bühne für ihre Gewalt.


Exakt dieselbe Unterscheidung muss für Demonstrationen gelten


Der Unterschied liegt in der politischen Verwertbarkeit


Natürlich wird über Fußballgewalt berichtet. Täter werden gesucht, Vereine bestraft und Sicherheitskonzepte verschärft. Der entscheidende Unterschied liegt nicht im völligen Schweigen, sondern in der politischen Deutung.


Wenn Hooligans randalieren, diskutieren wir über Hooligans.


Wenn Gewalttäter eine Jugenddemonstration kapern, diskutieren wir plötzlich über die Gen Z, Linke und Menschen mit Migrationsgeschichte.


Beim Fußball wird die Tat individualisiert. Bei Demonstrationen wird sie kollektiviert und ethnisiert.


Das ist der doppelte Maßstab.


Menschen wie Manuel Ostermann inszenieren sich in den sozialen Medien als kompromisslose Verteidiger der Polizei. Wo bleibt angesichts von 77 verletzten Kollegen und Ermittlungen wegen versuchten Mordes dieselbe gesellschaftspolitische Grundsatzrede?

Die AfD behauptet, allein sie schütze Polizei und Rechtsstaat. Warum instrumentalisiert sie Gewalttaten besonders laut, wenn sich damit gegen Migranten oder Linke hetzen lässt?

Und wo bleiben Ulf Poschardt und Anna Schneider mit ihren großen Abhandlungen über Freiheit, Verantwortung und den Niedergang der Gesellschaft, wenn die Täter nicht in das gewünschte Narrativ passen?


Diese Fragen sind keine Relativierung der Ausschreitungen nach den Gen-Z-Protesten. Im Gegenteil: Jede Gewalttat muss mit demselben Ernst verfolgt werden.


Genau das geschieht aber nicht, wenn man zuerst prüft, ob sich die mutmaßliche Herkunft eines Täters für den Kulturkampf eignet.


Tretet den Tätern in den Arsch – nicht der Gen Z!


Wer Molotowcocktails wirft, Polizisten angreift, Geschäfte plündert oder fremdes Eigentum zerstört, muss identifiziert, angeklagt und verurteilt werden. Ohne politischen Rabatt, ohne kulturelle Ausrede und ohne falsche Nachsicht.


Diesen Leuten gehört – bildlich gesprochen – kräftig in den Arsch getreten.


Aber nicht den Jugendlichen, die friedlich demonstrieren.


Nicht den Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte.


Und schon gar nicht unserem Demonstrationsrecht.


Grundrechte sind keine Belohnung für angepasstes Verhalten. Sie stehen nicht unter dem Vorbehalt einer ntv-Zuschauerabstimmung. Und sie dürfen nicht einer ganzen Generation entzogen werden, weil Gewalttäter sie als Deckmantel missbrauchen.


Wer nach Fußballkrawallen selbstverständlich zwischen Fans und Tätern unterscheidet, muss das auch bei Demonstrationen tun.


Alles andere ist keine Sorge um den Rechtsstaat.


Es ist Kulturkampf auf dem Rücken einer ganzen Generation.

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