top of page

WIEDER.

11. Aug.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Aug.

Wohin eigentlich?


„Wir möchten unsere eigene Geschichte wieder ehren, sie ganzheitlich betrachten und wieder stolz auf die deutsche Geschichte sein.“



Dieser Satz stammt von Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt.


Man kann sich an diesem Satz an vielem reiben.


Am Wort „Ehre“ vielleicht.

Am Wort „Stolz“.


Mich beschäftigt ein anderes Wort.


Wieder.


Denn „wieder“ ist kein beiläufiges Wort.


Wer sagt, etwas müsse wieder geschehen, sagt damit auch: Es gab einmal einen Zustand, der verloren gegangen ist. Einen Zustand, zu dem wir zurückkehren sollten.


Und deshalb möchte ich eine eigentlich ganz einfache Frage stellen:

Wohin wollen Sie zurück, Herr Siegmund?


Worauf dürfen wir stolz sein?


Deutschland hat eine große Geschichte.


Goethe und Schiller gehören zu ihr. Bach und Beethoven. Kant, Humboldt, Gutenberg.


Deutsche Wissenschaftler, Forscher, Ingenieure und Erfinder haben die Welt verändert. Deutsche Literatur, Musik, Philosophie und Architektur haben weit über unsere Grenzen hinaus gewirkt.


Warum sollte man diese Geschichte nicht würdigen?


Warum sollte man auf vieles davon nicht stolz sein dürfen?


Wir tun es doch längst.


Wir lesen Goethe in unseren Schulen. Wir spielen Beethoven in unseren Konzertsälen. Wir bewahren Schlösser, Kirchen, historische Innenstädte und Museen. Wir erinnern an Wissenschaftler, Künstler, Dichter und Denker.


Niemand hat diese Geschichte abgeschafft.


Niemand verbietet uns, sie zu würdigen.


Aber Ulrich Siegmund spricht ausdrücklich davon, unsere Geschichte „ganzheitlich“ zu betrachten.


Und genau da wird es interessant.


Denn ganzheitlich bedeutet: alles.


Auch das gehört dazu


Zur deutschen Geschichte gehört der Kolonialismus.


Zu ihr gehört der Völkermord an den Herero und Nama.


Zu ihr gehört der Erste Weltkrieg.


Und dann gehören jene zwölf Jahre dazu, die tatsächlich nur einen kleinen Teil einer jahrhundertelangen Geschichte ausmachen – und die dennoch einen Zivilisationsbruch darstellen, dessen Dimension sich nicht dadurch verkleinert, dass man ihn zeitlich ins Verhältnis zu Jahrhunderten setzt.


Nationalsozialismus.


Die Entrechtung und Verfolgung von Menschen.


Der Holocaust.


Der deutsche Vernichtungskrieg.


Millionen Tote.


Auch das ist deutsche Geschichte.


Aber diesen Teil unserer Geschichte können wir nicht „ehren“.


Wir können ihn erforschen.


Wir können an seine Opfer erinnern.


Wir können versuchen zu verstehen, wie eine Gesellschaft an diesen Punkt gelangen konnte.


Und wir können daraus Konsequenzen ziehen.


Eine davon steht gleich am Anfang unseres Grundgesetzes:


Die Würde des Menschen ist unantastbar.


1945 endet unsere Geschichte nicht


Vielleicht liegt genau hier ein merkwürdiger blinder Fleck in der Debatte.


Wenn über deutsche Geschichte und deutschen Stolz gesprochen wird, scheint es manchmal nur zwei Möglichkeiten zu geben:


Entweder Goethe und Beethoven.


Oder Hitler und Auschwitz.


Aber unsere Geschichte endet doch nicht 1945.


Danach beginnt ein weiteres Kapitel deutscher Geschichte.


Ein zerstörtes Land baut sich wieder auf.


Eine Demokratie entsteht.


Ein Grundgesetz wird geschaffen, das die Würde des einzelnen Menschen ins Zentrum stellt.

Aus ehemaligen Kriegsgegnern werden Partner.


Deutschland und Frankreich werden zu Motoren eines gemeinsamen Europas.

Deutschland sucht die Aussöhnung mit Israel.


Eine neue Generation beginnt, ihren Eltern und Großeltern unbequeme Fragen zu stellen.

Verbrechen werden erforscht, Täter vor Gericht gestellt, Opfer bekommen Namen und Gesichter.


Nicht alles davon geschieht sofort.


Nicht alles freiwillig.


Nicht alles gelingt.


Die Bundesrepublik brauchte Jahrzehnte, um sich ihrer Vergangenheit wirklich zu stellen.

Aber sie tat es.


Und auch das ist deutsche Geschichte.


Vielleicht liegt genau darin etwas, worauf wir stolz sein dürfen


Ein Land wird nicht dadurch groß, dass es seine Niederlagen und Verbrechen aus seiner Geschichte herausstreicht.


Und ein Volk verliert seine Würde nicht dadurch, dass es sich erinnert.


Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall.


Vielleicht zeigt sich die Reife einer Demokratie gerade darin, dass sie beides kann:


ihre großen Leistungen würdigen und ihre größten Verbrechen benennen.


Ich muss Beethoven nicht kleiner machen, um an Auschwitz zu erinnern.


Ich muss Goethe nicht vergessen, um über deutschen Kolonialismus zu sprechen.


Ich muss die Wiedervereinigung nicht relativieren, weil ich an den Vernichtungskrieg erinnere.


Und ich muss mich für Deutschland nicht schämen, weil Deutschland Verantwortung für seine Geschichte übernimmt.


Das eine schließt das andere nicht aus.


Im Gegenteil.


Genau das wäre eine ganzheitliche Betrachtung deutscher Geschichte.


Was also fehlt?


Und damit komme ich zurück zu Ulrich Siegmund.


Was genau fehlt Ihnen im heutigen Deutschland?


Wir erinnern an Goethe.


Wir spielen Bach und Beethoven.


Wir feiern die Friedliche Revolution.


Wir feiern die Wiedervereinigung.


Wir erinnern an die Männer und Frauen des Widerstands.


Wir würdigen die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes.


Wir erzählen von Wirtschaftswunder, Wissenschaft, Kunst, Sport und Kultur.

Und gleichzeitig erinnern wir an Auschwitz.


An die ermordeten europäischen Juden.


An Sinti und Roma.


An Menschen mit Behinderungen.


An politische Gegner des Nationalsozialismus.


An Homosexuelle.


An Zwangsarbeiter.


An die Millionen Menschen, die Deutschland mit Krieg und Vernichtung überzogen hat.


Was davon ist keine deutsche Geschichte?


Und was davon verhindert, auf die anderen Kapitel stolz zu sein?


Deshalb bleibt dieses eine Wort


Wieder.

Wir sollen unsere Geschichte wieder ehren.


Wir sollen wieder stolz auf unsere Geschichte sein.


Aber wann genau haben wir damit aufgehört?


Und noch wichtiger:


Welchen früheren Zustand beschreibt dieses „wieder“?


Die Kaiserzeit?


Die Weimarer Republik?


Die junge Bundesrepublik?


Die fünfziger Jahre?


Die achtziger?


Oder geht es gar nicht um einen konkreten Zeitpunkt?


Dann sagen Sie uns bitte, was Sie meinen.


Denn wer für ein politisches Amt antritt und den Menschen verspricht, etwas Verlorenes wiederherzustellen, sollte sagen können, was verloren gegangen ist.


Das ist keine Unterstellung.


Es ist eine Frage.


Und diese Frage gehört in diesen Wahlkampf


Nicht nur Journalisten sollten sie stellen.


Nicht nur politische Gegner.


Vor allem diejenigen, die darüber nachdenken, Ulrich Siegmund und der AfD ihre Stimme zu geben.


Denn vielleicht gibt es auf diese Frage eine vollkommen harmlose Antwort.

Vielleicht sagt Ulrich Siegmund:


Ich möchte, dass wir stärker über Goethe, Beethoven, deutsche Wissenschaft, die Friedliche Revolution und die Wiedervereinigung sprechen.



Gut.

Dann können wir darüber diskutieren.


Vielleicht meint er etwas anderes.


Auch dann sollten wir darüber diskutieren.


Aber dafür müssen wir wissen, was er meint.


Gerade deshalb reicht mir der Satz nicht:


„Wir möchten unsere eigene Geschichte wieder ehren.“


Ich möchte wissen, was dieses „wieder“ bedeutet.


Nicht, weil ich deutsche Geschichte kleinreden möchte.


Sondern gerade weil ich sie ganz betrachten möchte.


Mit Goethe und Auschwitz.


Mit Beethoven und dem Vernichtungskrieg.


Mit Schuld und Verantwortung.


Mit Grundgesetz und Demokratie.


Mit Friedlicher Revolution und Wiedervereinigung.


Mit allem, was dieses Land hervorgebracht hat.


Dem Großen.


Dem Schönen.


Und dem Unfassbaren.


Das ist unsere Geschichte.


Wir müssen nichts davon verstecken.


Wir müssen nichts davon gegeneinander ausspielen.


Und wir müssen vor allem nichts vergessen, um auf anderes stolz sein zu können.


Deshalb bleibt für mich vor dieser Wahl eine einfache Frage.


Eine Frage an Ulrich Siegmund.


Und eine Frage, die sich jeder stellen sollte, der darüber nachdenkt, ihm seine Stimme zu geben:


Wenn Deutschland seine Geschichte „wieder“ ehren soll – wohin genau wollen Sie zurück?

Kommentare


bottom of page