Wenn alle gleichzeitig zur Apotheke fahren

Warum das Auto 1890 keine Zukunft hatte – und das Elektroauto heute natürlich auch nicht
„Das Auto wird sich nie durchsetzen. Was geschieht, wenn alle Autos gleichzeitig zur Apotheke fahren, um Benzin zu kaufen? Und was passiert, wenn unterwegs das Benzin ausgeht?“ Karl Friedrich, Pferdefuhrwerkbesitzer, 1890
Dieses Zitat ist nicht historisch verbürgt. Vermutlich hat es diesen Karl Friedrich nie gegeben. Aber es ist so schön, weil es genauso hätte gesagt werden können.
Denn als Bertha Benz 1888 mit dem Patent-Motorwagen ihres Mannes von Mannheim nach Pforzheim fuhr, gab es tatsächlich noch keine Tankstellen. Das Benzin – genauer gesagt das Leichtbenzin Ligroin – kaufte sie in einer Apotheke in Wiesloch. Diese gilt deshalb heute als erste Tankstelle der Welt.
Auch sonst war die Fahrt kein überzeugender Werbespot für entspanntes Reisen: Die Benzinleitung musste mit einer Hutnadel gereinigt, die Zündung mit einem Strumpfband repariert und die Antriebskette von einem Schmied geflickt werden. Kühlwasser musste unterwegs immer wieder nachgefüllt werden. An starken Steigungen half nur Schieben.
Der vernünftige Pferdefuhrwerkbesitzer hätte danach vermutlich gesagt:
„Sehen Sie! Habe ich doch gleich gewusst. Dieses Automobil ist völlig unausgereift.“
Und er hätte recht gehabt. Jedenfalls an diesem Tag.
Die Infrastruktur von gestern entscheidet über die Technik von morgen
Heute begegnet uns dieselbe Argumentation beim Elektroauto:
„Wo sollen denn alle gleichzeitig laden?“
„Was passiert, wenn unterwegs der Akku leer ist?“
„Unser Stromnetz hält das niemals aus.“
„Für Millionen Elektroautos gibt es doch viel zu wenige Ladesäulen.“
Das klingt zunächst vernünftig. Ungefähr so vernünftig wie die Frage, wie Millionen Automobile gleichzeitig an wenigen Apotheken mit Ligroin versorgt werden sollen.
Der Denkfehler liegt darin, eine neue Technik ausschließlich anhand der Infrastruktur der alten Welt zu beurteilen. Weil etwas heute noch nicht überall problemlos funktioniert, wird daraus geschlossen, es könne grundsätzlich niemals funktionieren.
Doch Tankstellen, Werkstätten, asphaltierte Straßen, Verkehrsregeln und Parkhäuser standen nicht bereit, bevor das erste Auto verkauft wurde. Sie entstanden, weil sich das Auto verbreitete.
Niemand sagte 1890:
„Bevor wir dieses Automobil zulassen, benötigen wir zunächst ein flächendeckendes Netz aus mindestens 14.000 Tankstellen.“
Zum Glück. Andernfalls würden wir vermutlich noch heute hinter Pferden herfahren und über den drohenden Zusammenbruch der Heuversorgung diskutieren.
Kritik ist erlaubt – das Todesurteil etwas voreilig
Natürlich löst diese historische Parallele nicht jedes Problem des Elektroautos. Ladezeiten, Reichweiten, Stromnetze, Rohstoffe, Preise und Lademöglichkeiten für Menschen ohne eigene Garage sind reale Fragen. Fortschritt entsteht nicht dadurch, dass man Schwierigkeiten leugnet.
Aber zwischen „Hier besteht ein Problem“ und „Diese Technik wird sich niemals durchsetzen“ liegt ein gewaltiger Unterschied.
Probleme können gelöst werden. Infrastruktur kann wachsen. Batterien können leistungsfähiger, Ladezeiten kürzer und Fahrzeuge günstiger werden. Genau das ist bei früheren technischen Umbrüchen ebenfalls geschehen.
Der Pferdefuhrwerkbesitzer betrachtete das erste Auto und sah ein schlechteres Pferd: laut, störanfällig, teuer und ohne Versorgungsnetz. Was er nicht sah, war eine vollkommen neue Infrastruktur, die um diese Erfindung herum entstehen würde.
Vielleicht werden Menschen im Jahr 2126 über einen ähnlich weisen Satz lachen:
„Das Elektroauto wird sich nie durchsetzen. Was passiert denn, wenn alle gleichzeitig laden wollen?“ Dieter, Tankstellenpächter, 2026
Auch Dieter wird vermutlich überzeugt gewesen sein, lediglich die Realität zu beschreiben.
So wie Karl Friedrich, der Pferdefuhrwerkbesitzer.



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