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Was ist ein Menschenleben wert?

11. Sept.
4 Min. Lesezeit

Er war 21 Jahre alt.

Erfan Mirzaei.

Rapper. Iraner. Ein junger Mann, dessen Leben eigentlich noch vor ihm liegen sollte.

Jetzt ist er tot.

Nach derzeitigen Berichten starb er im Dastgerd-Gefängnis in Isfahan. Einige Quellen berichten, er sei hingerichtet worden. Andere sprechen von schweren Folterverletzungen und davon, dass er an deren Folgen gestorben sein könnte.

Vielleicht werden wir irgendwann genau wissen, wie Erfan Mirzaei starb.

Vielleicht auch nicht.

Für das, was mich daran erschüttert, spielt es beinahe keine Rolle.

Ein 21-jähriger Mensch ist tot. In der Gewalt eines Staates.

Und ich merke, dass mich dieser eine Tote mehr beschäftigt als viele Zahlen, die ich jeden Tag lese.

Vielleicht, weil er ein Gesicht hat.

Vielleicht, weil 21 Jahre so verdammt jung sind.

Vielleicht aber auch, weil mich inzwischen noch etwas anderes erschreckt:

wie gleichgültig uns das Leben anderer Menschen geworden ist.

Ich lese die Kommentare unter solchen Meldungen.

Auf X. Auf Instagram. Unter Nachrichtenartikeln.

Und manchmal möchte ich das Smartphone einfach weglegen.

Nicht, weil Menschen die iranische Regierung verteidigen würden.

Sondern weil man dort etwas findet, das mich inzwischen beinahe noch mehr verstört:

Häme.

Verachtung.

Entmenschlichung.

Muslime. Flüchtlinge. Ukrainer. Juden. Menschen mit anderer Hautfarbe. Menschen mit anderer sexueller Orientierung. Menschen, die irgendwie nicht zum eigenen „Wir“ gehören.

Es reicht manchmal ein einziges Merkmal.

Und plötzlich scheint ein Menschenleben weniger wert zu sein.

Und dann schaue ich nach Sachsen-Anhalt.

43,8 Prozent.

Fast jeder zweite Wähler hat bei der Landtagswahl am 6. September die AfD gewählt.

Keine Umfrage.

Keine Prognose.

Keine theoretische Möglichkeit für irgendwann.

43,8 Prozent bei einer demokratischen Wahl.

Und schon höre ich wieder die Sätze, die wir seit Jahren hören:

Man müsse die Sorgen dieser Menschen ernst nehmen.

Man dürfe AfD-Wähler nicht pauschalisieren.

Viele seien enttäuscht.

Andere protestierten nur.

Wieder andere fühlten sich von der Politik nicht mehr gesehen.

Ich kann es nicht mehr hören.

Nicht, weil all diese Erklärungen falsch wären.

Sondern weil wir seit Jahren beinahe fürsorglicher über die Befindlichkeiten derjenigen sprechen, die diese Partei wählen, als über diejenigen, gegen die sich ihre Sprache und ihre Politik richten.

Natürlich freuen sich nicht 43,8 Prozent der Wähler über einen toten Muslim.

Aber 43,8 Prozent waren bereit, ihr Kreuz bei dieser Partei zu machen.

Und irgendwann muss eine Demokratie ihren Bürgern auch die Verantwortung für ihre Entscheidungen zumuten.

Wer 2026 AfD wählt, wählt keine unbekannte Protestpartei mehr.

Niemand kann sagen:

„Das wusste ich nicht.“

Wir haben gehört, was gesagt wurde.

Wir haben gesehen, wie Grenzen verschoben wurden.

Wir kennen die Sprache über Migranten.

Wir kennen die Vorstellungen davon, wer angeblich zu Deutschland gehört und wer nicht.

Wir kennen die Provokationen, die Verächtlichmachung, die ständige Einteilung der Gesellschaft in ein „Wir“ und „die anderen“.

Und trotzdem haben 43,8 Prozent gesagt:

Das hält mich nicht davon ab, dort mein Kreuz zu machen.

Vielleicht teilen sie nicht jeden dieser Gedanken.

Vielleicht lehnen manche davon sogar einiges ab.

Aber offensichtlich war es für ihre Wahlentscheidung nicht entscheidend genug.

Und genau darüber müssen wir endlich sprechen.

Nicht darüber, ob jeder AfD-Wähler ein Rassist ist.

Sondern über eine viel unangenehmere Frage:

Wie viel Menschenverachtung ist ein Mensch bereit zu tolerieren, solange eine Partei ihm an anderer Stelle verspricht, was er hören möchte?

Denn eine Wahlentscheidung ist keine Speisekarte.

Man kann sich nicht hinterher nur das herauspicken, was einem gefallen hat, und für den Rest erklären:

Damit habe ich nichts zu tun.

Doch.

Wer einer Partei seine Stimme gibt, gibt ihr Macht.

Er gibt ihren Abgeordneten Mandate.

Er gibt ihrer Sprache Gewicht.

Er trägt dazu bei, dass aus dem Unsagbaren das Sagbare wird – und aus dem Sagbaren irgendwann das politisch Machbare.

Das bedeutet nicht, dass jeder Wähler für jeden Satz eines Politikers persönlich verantwortlich ist.

Aber für die eigene Wahlentscheidung ist er verantwortlich.

Und ich habe die Schnauze voll davon, erwachsenen Menschen diese Verantwortung immer wieder abzunehmen.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem ich inzwischen ungeduldig werde.

Wir haben uns angewöhnt, beinahe reflexhaft nach einer Entschuldigung zu suchen.

Der Mann ist abgehängt.

Die Frau hat Angst.

Der andere fühlt sich nicht gehört.

Der nächste wollte der Regierung nur einen Denkzettel verpassen.

Gut.

Und wer fragt eigentlich nach den Ängsten der Menschen, gegen die sich dieser Denkzettel richtet?

Wer nimmt deren Sorgen ernst?

Den Jugendlichen mit ausländischem Namen, der morgens in der Straßenbahn sitzt und sich fragt, ob der Mann gegenüber ihn gerade nur anschaut – oder verachtet.

Die muslimische Familie, die seit drei Generationen hier lebt und plötzlich wieder erklären soll, ob sie wirklich zu Deutschland gehört.

Den schwulen Mann, der geglaubt hatte, bestimmte gesellschaftliche Kämpfe seien irgendwann einmal gewonnen worden.

Den Menschen, der vor Krieg oder Verfolgung geflohen ist und in irgendeiner Kommentarspalte lesen darf, dass man das Boot, in dem er sitzt, am besten zurückschicken sollte.

Wo ist eigentlich deren Schmerz in unserer großen Debatte über die gekränkten Wähler?

Und damit komme ich zurück zu Erfan Mirzaei.

Ich weiß nicht, was er über Deutschland gedacht hat.

Ich weiß nicht, ob er religiös war.

Ich weiß nicht, was er gewählt hätte, wenn er hier hätte wählen dürfen.

Vielleicht hätten wir uns verstanden.

Vielleicht überhaupt nicht.

Es ist vollkommen gleichgültig.

Denn Menschenwürde ist keine Belohnung für politische Übereinstimmung.

Menschenrechte heißen Menschenrechte, weil man sie nicht verdienen muss.

Nicht als Deutscher.

Nicht als Christ.

Nicht als Muslim.

Nicht als Flüchtling.

Nicht als jemand, dessen Lebensweise mir gefällt.

Sondern als Mensch.

Vielleicht ist das die Grenze, über die wir wieder viel häufiger sprechen sollten.

Nicht links.

Nicht rechts.

Nicht konservativ oder progressiv.

Sondern:

Ist die Würde des anderen für mich noch unantastbar, wenn ich diesen anderen nicht mag?

Denn es ist verdammt einfach, die Menschenwürde der Menschen zu verteidigen, die aussehen wie wir, leben wie wir und denken wie wir.

Die Bewährungsprobe beginnt beim anderen.

Beim Fremden.

Beim Unbequemen.

Bei dem Menschen, dessen Religion ich ablehne.

Bei dem Menschen, dessen Meinung mich wütend macht.

Gerade dann.

Erfan Mirzaei war 21 Jahre alt.

Vielleicht wurde er hingerichtet.

Vielleicht wurde er zu Tode gefoltert.

Wir sollten mit der endgültigen Behauptung vorsichtig sein, solange sein Tod nicht unabhängig aufgeklärt ist.

Mit einer anderen Aussage müssen wir nicht vorsichtig sein:

Er hatte ein Recht darauf, weiterzuleben.

Und wenn wir anfangen, bei diesem Satz innerlich ein „Ja, aber …“ anzuhängen, weil ein Mensch Iraner ist, Muslim, Flüchtling, links, rechts, schwul, fremd oder einfach nicht einer von „uns“ –

dann sollten wir uns nicht zuerst fragen, was mit den anderen nicht stimmt.

Dann sollten wir uns fragen, was gerade mit uns passiert.

Denn eine Gesellschaft verliert ihre Menschlichkeit nicht erst dann, wenn Menschen getötet werden.

Sie beginnt sie dort zu verlieren, wo ihr der Tod der anderen gleichgültig wird.

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