Man kann gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte

Trump entfacht den Krieg gegen Iran, Putin führt seinen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine. Als der Diesel knapp wird, beschuldigt Washington das Opfer – und belohnt den Aggressor.
Kriege beginnen nicht an Tankstellen. Aber dort kommen ihre Folgen bei den Menschen an.
Im Februar kostete eine Gallone Diesel in den Vereinigten Staaten noch etwa 3,80 Dollar. Inzwischen sind es mehr als sechs Dollar. Weltweit ist der Preis seit Beginn des Iran-Krieges um fast 70 Prozent gestiegen. Landwirtschaft, Transporte, Lebensmittel, Heizung und Produktion werden teurer. Bezahlen müssen es Menschen, die weder über Kriege entscheiden noch an ihnen verdienen.
Donald Trump hat dafür einen Schuldigen gefunden: die Ukraine.
Sie solle aufhören, russische Raffinerien anzugreifen, verlangte der amerikanische Präsident im September. Diese Angriffe verursachten die Dieselknappheit und „schadeten der Welt“. Wenige Wochen später vereinbarte Trump mit Wladimir Putin die Lieferung russischen Diesels und lockerte dafür Sanktionen, die Russland wegen seines Angriffskrieges auferlegt worden waren. axios.com
Das ist keine nüchterne Ursachenanalyse.
Es ist eine Täter-Opfer-Umkehr.
Die Krise begann nicht in der Ukraine
Am 28. Februar 2026 griffen die Vereinigten Staaten und Israel Iran an. Trump hatte zuvor keine geschlossene Begründung für diesen Krieg vorgelegt. Mal ging es um das iranische Atomprogramm, mal um Raketen, regionale Bedrohungen, getötete Demonstranten oder schließlich um einen Sturz der iranischen Führung. Die genannten Ziele und Begründungen wechselten mehrfach. investing.com
Iran reagierte mit Angriffen auf Israel und die Golfstaaten und blockierte weitgehend die Straße von Hormus. Durch diese Meerenge wird normalerweise ungefähr ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls transportiert. Eine der wichtigsten Adern der Weltwirtschaft war damit getroffen.
Iran trägt die Verantwortung für seine Angriffe auf zivile und wirtschaftliche Ziele sowie für die Blockade der Meerenge. Doch ohne den amerikanisch-israelischen Angriff hätte es diese konkrete Eskalation nicht gegeben.
Die Reihenfolge ist entscheidend:
Erst begann der Krieg.
Dann wurde Hormus blockiert.Dann stiegen die Energiepreise.
Erst Monate später erklärte Trump die ukrainischen Angriffe auf russische Raffinerien zur Hauptursache.
Die Dieselnot begann im Februar. Den ukrainischen Schuldigen entdeckte Trump im September.
Putins Rettung kam aus Washington
Bereits wenige Tage nach Kriegsbeginn begann die amerikanische Regierung, Sanktionen gegen russisches Öl zu lockern. Am 5. März erlaubte Washington indischen Raffinerien für zunächst 30 Tage, russisches Öl zu kaufen, das auf Tankern festsaß. Einen Tag später stellte Finanzminister Scott Bessent weitere Lockerungen in Aussicht. reuters.com
Die Begründung lautete: Der Weltmarkt brauche zusätzliches Öl.
Das Ergebnis: Ausgerechnet der Krieg, den Trump begonnen hatte, verschaffte dem russischen Staat neue Einnahmen für den Krieg, den Putin begonnen hatte. Höhere Preise und gelockerte Sanktionen brachten dem Kreml nach Schätzungen zeitweise rund 150 Millionen Dollar zusätzlich am Tag. Council on Foreign Relations
Am 9. Oktober folgte der nächste Schritt. Nach einem Gespräch mit Putin kündigte Trump an, Russland werde zunächst mehr als 300.000 Tonnen Diesel auf den amerikanischen und internationalen Markt bringen. Die USA erteilten dafür eine befristete Ausnahmegenehmigung von ihren eigenen Sanktionen.
Der Deal soll die Preise vor den amerikanischen Kongresswahlen senken. Ob die zugesagten Mengen dafür überhaupt ausreichen, bezweifeln Energieanalysten. Sicher ist dagegen: Russland erhält neue Einnahmen, während es weiterhin ukrainische Städte, Wohnhäuser und Energieanlagen angreift.
Selbst Trumps früherer Vizepräsident Mike Pence bezeichnete die Entscheidung als „Verrat“ und als Rettungsleine für Putins Kriegsmaschine. Republikanische und demokratische Senatoren fordern inzwischen gemeinsam die Rücknahme des Geschäfts und halten es möglicherweise sogar für rechtswidrig. The Washington Post
Die Ukraine soll ihren Widerstand einstellen
Die Ukraine greift russische Raffinerien nicht an, weil sie die Weltwirtschaft schädigen möchte. Sie greift sie an, weil diese Anlagen Treibstoff für die russische Armee produzieren und weil der Verkauf von Öl und Diesel Putins Krieg finanziert.
Diese Angriffe haben Wirkung gezeigt. Raffinerien wurden beschädigt, Russland schränkte seine Dieselausfuhren ein und die weltweite Versorgung wurde zusätzlich belastet. Es wäre deshalb falsch zu behaupten, die ukrainischen Angriffe hätten überhaupt keinen Einfluss auf den Dieselpreis.
Aber die moralische und politische Verantwortung lässt sich nicht allein aus der Wirkung eines Angriffs ableiten. Russland hat die Ukraine überfallen. Es beschießt seit Jahren deren Kraftwerke, Stromnetze, Wohngebiete und Industrie. Von der Ukraine zu verlangen, die wirtschaftlichen Grundlagen des russischen Krieges zu verschonen, während Russland ukrainische Energieanlagen weiter zerstört, bedeutet keine Neutralität.
Es bedeutet, den Angegriffenen stärker zu beschränken als den Angreifer.
Selenskyj bot einen gegenseitigen Verzicht an: Die Ukraine würde russische Raffinerien nicht mehr angreifen, wenn Russland seinerseits die Angriffe auf die ukrainische Energieversorgung einstellt. Trump verlangte hingegen zunächst einen einseitigen Stopp der ukrainischen Angriffe. Putin musste für das Dieselgeschäft offenbar keine vergleichbare Gegenleistung erbringen. axios.com
Am Tag nach dem Deal verlangte Trump sogar, die Ukraine solle sich einen neuen Präsidenten suchen.
Putin bekam Zugang zum Dieselmarkt. Selenskyj bekam die Aufforderung, sein Amt zu räumen.
Zwei Kriege, Millionen zerstörte Leben
Russlands Angriff auf die Ukraine hat inzwischen mehr als zwei Millionen militärische Opfer gefordert – Tote, Verwundete und Vermisste auf beiden Seiten. Hinzu kommen Zehntausende verifizierte zivile Tote und Verletzte, zerstörte Städte, verschüttete Familien, traumatisierte Kinder und Millionen Geflüchtete.
Der amerikanische Krieg gegen Iran kostete die Vereinigten Staaten allein bis Anfang August rund 38 Milliarden Dollar. Nach Berechnungen des überparteilichen Haushaltsbüros des Kongresses kommen monatlich weitere zwei bis drei Milliarden hinzu. Gleichzeitig treibt der Krieg die Inflation und leert die Munitionslager. Congressional Budget Office
Auch militärisch wurde das erklärte Ziel nicht erreicht. Ein erheblicher Teil des auf 60 Prozent angereicherten iranischen Urans ist vermutlich erhalten geblieben. Die Internationale Atomenergiebehörde weiß nicht genau, wo es sich befindet. Nach Angaben der IAEA gibt es zugleich keinen belastbaren Nachweis für ein koordiniertes iranisches Atomwaffenprogramm. reuters.com
Das amerikanische Repräsentantenhaus hat inzwischen mit 220 zu 204 Stimmen verlangt, die US-Streitkräfte aus dem Krieg gegen Iran abzuziehen. Der Widerstand kommt mittlerweile auch aus Trumps eigener Partei. clerk.house.gov
Verantwortung beginnt mit der Reihenfolge
Putin behauptet, der Westen habe ihn zum Krieg gegen die Ukraine gezwungen.
Trump behauptet, Iran habe ihm keine andere Wahl gelassen.
Wenn die Folgen ihrer Entscheidungen die eigene Bevölkerung erreichen, sind wiederum andere schuld: die Ukraine, Europa, frühere Regierungen, widerspenstige Verbündete oder angeblich unfähige Unterhändler.
Das Muster ist immer gleich:
Die Entscheidung trifft der starke Mann.
Die Verantwortung tragen sollen die anderen.
Die Rechnung bezahlt die Bevölkerung.
Trump und Putin sind nicht für sämtliche Ursachen der weltweiten Energiekrise allein verantwortlich. Iran hat die Straße von Hormus blockiert und Nachbarstaaten angegriffen. Ukrainische Angriffe haben russische Raffineriekapazitäten verringert. Weltmärkte reagieren auf viele Faktoren.
Doch Ursachen haben eine Chronologie.
Putin begann den Krieg gegen die Ukraine. Trump und Netanyahu begannen den Krieg gegen Iran. Der Iran-Krieg ließ eine zentrale Ölroute kollabieren. Washington lockerte daraufhin russische Sanktionen. Monate später erklärte Trump die Ukraine zum Schuldigen und machte mit Putin ein Geschäft.
Wer diese Ereignisse in der richtigen Reihenfolge betrachtet, sieht keine Friedenspolitik.
Er sieht, wie die Brandstifter einander das Löschwasser verkaufen.
Und wie anschließend das Opfer beschuldigt wird, weil es noch immer brennt.



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