ICH WILL MEIN LAND ZURÜCK

Ich habe es so satt.
Ich habe es so satt, dass sie davon reden, sie wollten sich „ihr Land zurückholen“.
Wessen Land denn?
Das ist doch mein Land!
Das ist dein Land!
Das ist das Land von uns allen, die jeden Morgen aufstehen und diesen verdammten Laden am Laufen halten.
Ich will mein Land zurück.
Aber nicht von Migranten.
Nicht von Flüchtlingen.
Nicht von der Regenbogenfamilie nebenan.
Ich will es zurück von denen, die mir einreden wollen, dass dieses Land ihnen mehr gehört als anderen.
Ich habe es satt, dass ich inzwischen ein beklemmendes Gefühl bekomme, wenn jemand eine Deutschlandfahne schwenkt.
Das ist meine Fahne, verdammt noch mal!
Schwarz-Rot-Gold.
Diese Farben wurden schon im 19. Jahrhundert zum Symbol für nationale Einheit und bürgerliche Freiheit. Sie begleiteten die Revolution von 1848/49 und wurden später die Farben der Weimarer Republik. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verschwanden sie 1933 als deutsche Staatsfarben. 1949 knüpfte die Bundesrepublik ganz bewusst wieder an die Tradition von Einheit und Freiheit an. Seitdem steht es in unserem Grundgesetz: „Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold.“
Schwarz-Rot-Gold gehört nicht der AfD.
Ich will diese Fahne wieder zeigen können, ohne mich erklären zu müssen. Ohne dieses beklemmende Gefühl. Ohne mich zu fragen, ob jemand mich deshalb für einen Nationalisten hält.
Ich will meine Fahne zurück.
Und ich will unsere Hymne zurück.
Ich will wieder „Einigkeit und Recht und Freiheit“ singen können, ohne mich dafür zu schämen.
Hört euch diese drei Worte doch einmal an!
Einigkeit. Recht. Freiheit.
Was sonst soll dieses Land zusammenhalten?
Nicht Spaltung.
Nicht: Wir gegen die.
Nicht: Wir bestimmen, wer dazugehört.
Nicht: Unser Recht.
Nicht: Unsere Freiheit.
Einigkeit und Recht und Freiheit. Für alle.
Und auch das ist keine nachträgliche Umdeutung: Die dritte Strophe des Deutschlandliedes ist unsere Nationalhymne. Ihr Text entstand 1841 aus der damaligen Sehnsucht nach Freiheit und nationaler Einheit; nach der Wiedervereinigung wurde 1991 noch einmal ausdrücklich bestätigt, dass diese dritte Strophe die Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland ist.
Und ich will das Wort Heimat zurück.
Ich habe es satt, dass Heimat nach Ausgrenzung klingt. Nach Grenzen. Nach Abstammung. Nach der Frage, ob jemand „wirklich deutsch“ ist.
Heimat ist Zuhause.
Heimat ist Ankommen.
Heimat ist der Ort, an dem du lebst, liebst, arbeitest, deine Kinder großziehst, deine Freunde hast, deinen Nachbarn hilfst.
Wer zum Teufel erdreistet sich eigentlich, darüber zu entscheiden, wer hier dazugehören darf?
Ich stand mit vielen anderen diesem Mob gegenüber.
Besoffen. Machttrunken. Aggressiv. Fahnen schwenkend. Die Nationalhymne grölend.
Und ich dachte nur:
Ernsthaft?
Das sollen die Menschen sein, denen wir unser Land anvertrauen?
Die sollen unsere Probleme lösen?
Menschen, die uns Angst vor anderen Menschen machen?
Die uns erzählen, unser Nachbar sei plötzlich unser Problem?
Dass der Mensch mit dem falschen Namen, der falschen Hautfarbe, der falschen Religion, der falschen Liebe unser Leben bedroht?
Was zum Teufel ist mit uns passiert?
Was bringen wir unseren Kindern bei?
Sei freundlich.
Hör zu.
Hilf anderen.
Teile.
Schließ Freundschaften.
Lass niemanden allein.
Halt zu anderen, wenn sie Hilfe brauchen.
Und wenn wir Erwachsenen wählen gehen?
Dann soll plötzlich das Gegenteil vernünftig sein?
Misstraue deinem Nachbarn.
Fürchte den Fremden.
Denk zuerst an dich.
Ziehe Grenzen.
Sortiere Menschen.
Das soll die Antwort sein?
Was macht denn unsere Zivilisation aus?
Es gibt diese berühmte Geschichte vom geheilten Oberschenkelknochen, die immer wieder der Anthropologin Margaret Mead zugeschrieben wird. Ob sie diese Geschichte tatsächlich erzählt hat, lässt sich nicht zuverlässig belegen. Aber der Gedanke dahinter ist so stark, dass er auch ohne einen berühmten Namen auskommt:
Ein Lebewesen mit einem gebrochenen Oberschenkelknochen ist schutzlos.
Ein Mensch konnte überleben, weil ein anderer geblieben ist.
Weil jemand ihn versorgt hat.
Weil jemand ihn beschützt hat.
Weil jemand ihm Essen gebracht hat.
Weil jemand gesagt hat: Ich lasse dich nicht zurück.
Das ist Zivilisation.
Nicht: Der Stärkere gewinnt.
Sondern:
Ich lasse dich nicht zurück.
Und wir haben es in den vergangenen 80 Jahren geschafft, eine relativ mitfühlende, in weiten Teilen relativ gerechte Gesellschaft aufzubauen.
Nicht perfekt.
Verdammt, natürlich nicht perfekt.
Es gibt Ungerechtigkeit. Es gibt Armut. Es gibt Kriminalität. Es gibt Probleme mit Migration und Integration. Es gibt kaputte Schulen, fehlende Wohnungen, überforderte Kommunen, eine manchmal unerträgliche Bürokratie und Menschen, die sich von diesem Staat nicht mehr gesehen fühlen.
Aber dann verdammt noch mal machen wir diese Gesellschaft besser!
Wir machen sie gerechter.
Wir lösen ihre Probleme.
Wir streiten darüber, wie.
Aber wir reißen doch nicht das Fundament ein, nur weil das Haus renoviert werden muss.
Denn über diesem Fundament steht ein Satz:
Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Nicht:
Die Würde des Deutschen.
Nicht:
Die Würde dessen, der schon immer hier war.
Nicht:
Die Würde dessen, der richtig liebt, richtig glaubt, richtig aussieht oder genug leistet.
Die Würde des Menschen.
Und weil unsere Gesellschaft diesem Anspruch noch immer nicht überall gerecht wird, wollen wir jetzt ausgerechnet denen hinterherlaufen, die uns erzählen, das Problem seien die anderen?
Der Migrant?
Der Flüchtling?
Der Schwule?
Der Mensch mit Behinderung?
Der Bürgergeldempfänger?
Die Alleinerziehende?
Der Journalist?
Der Künstler?
Der Gewerkschafter?
Und glaub bloß nicht, dass dich das nichts angeht, nur weil du nicht als Erstes dran bist.
Was ist mit der migrantischen Pflegerin, die sich so liebevoll um deinen Opa gekümmert hat?
Was ist mit der Regenbogenfamilie in deiner Nachbarschaft?
Was ist mit dem Kind mit Down-Syndrom?
Was ist mit der Frau, die ihre Kinder alleine großzieht?
Was ist mit dem Journalisten, der Fragen stellt?
Was ist mit dem Künstler, der widerspricht?
Was ist mit dem Gewerkschafter, der sich organisiert?
Und was ist eigentlich mit der so oft beschworenen christlichen Nächstenliebe?
Ich habe es so satt, dass Freundlichkeit, Empathie und Mitgefühl inzwischen manchmal behandelt werden, als seien sie Naivität oder Schwäche.
Nein.
Sie sind keine Schwäche.
Sie sind das verdammte Fundament einer zivilisierten Gesellschaft.
Natürlich müssen wir über Migration reden.
Natürlich über Integration.
Natürlich über Kriminalität.
Über Sozialstaat.
Über Schulen.
Über Wohnungen.
Über Steuern.
Über Ungerechtigkeit.
Dann lösen wir diese Probleme!
Aber wir lösen sie doch nicht, indem wir Menschen gegeneinander aufhetzen.
Wir lösen sie nicht, indem wir immer neue Gruppen finden, denen wir die Schuld geben können.
Wir lösen sie nicht mit Hass.
Nicht mit Häme.
Nicht mit Ausgrenzung.
Und wir lösen sie ganz bestimmt nicht, indem wir denen unser Land überlassen, die aus Angst politisches Kapital schlagen.
Ich will mein Land zurück.
Ich will meine Fahne zurück.
Ich will unsere Hymne zurück.
Ich will das Wort Heimat zurück.
Und ich lasse mir all das nicht nehmen.
Nicht von der AfD.
Nicht von irgendwelchen besoffenen Typen, die Schwarz-Rot-Gold schwenken und dabei Menschen ausgrenzen.
Nicht von denen, die „Deutschland“ brüllen und damit meinen: Wir – aber ihr nicht.
Nein.
Mein Deutschland ist größer als das.
Schwarz-Rot-Gold sind die Farben eines freien, demokratischen Landes.
Eines Landes, in dem niemand darüber bestimmen darf, welcher Mensch mehr wert ist als ein anderer.
Eines Landes, das nicht perfekt ist.
Aber eines Landes, das verdammt noch mal den Anspruch haben sollte, besser zu werden – und nicht unmenschlicher.
Erich Kästner schrieb 1933 in Das fliegende Klassenzimmer:
„An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“
Dann verhindern wir es.
Ich will mein Land nicht denen überlassen, die am lautesten „Deutschland“ brüllen.
Denn dieses Land gehört nicht ihnen.
Es gehört uns.
Uns allen.



Danke, du sprichst mir vollkommen aus dem Herzen!🫶🏻🌈