top of page

Elf Deutsche. Und neun werden öffentlich ausgebürgert.

28. Sept.
4 Min. Lesezeit

Deutschland hat gegen Griechenland mit 0:1 verloren. Elf Fußballer verloren ein Spiel. Was anschließend auf X geschah, hatte mit Fußball jedoch kaum noch etwas zu tun: Neun Spielern wurde öffentlich ihr Deutschsein abgesprochen – aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Namen und der Herkunft ihrer Eltern.

Nicht von einer Behörde. Nicht durch ein Gericht. Sondern vom digitalen Volksgerichtshof der selbst ernannten „ethnischen Deutschen“.

Ein Account rechnete vor:

„Nur 2 Deutsche in der Nationalmannschaft und 9 Ausländer. Das entspricht 18 Prozent Deutsche und 82 Prozent Ausländer. Schande!“

Die Rechnung ist falsch. Auf dem Platz standen elf deutsche Nationalspieler und kein einziger Ausländer. Alle elf wurden in Deutschland geboren.

Aber darum geht es diesen Leuten nicht. Für sie ist ein deutscher Pass offenbar nicht deutsch genug. Geburt, Kindheit, Sprache, Heimat und Staatsangehörigkeit zählen nicht. Entscheidend sind Gesicht, Hautfarbe und Abstammung.

Und damit sind wir nicht mehr bei Fußballkritik. Wir sind mitten in der Rassenideologie.

Der Abstammungsnachweis kehrt zurück

Unter den Beiträgen werden Spieler als „Mischlinge“ kategorisiert. Andere sollen angeblich „keinerlei deutsche Abstammung“ besitzen. Einer erklärt, er spiele lieber mit „ethnisch-abstammungsgemäßen Deutschen“ gegen Gibraltar, als mit diesen Spielern gegen Griechenland zu verlieren.

Ein weiterer Account schreibt über in Deutschland geborene und aufgewachsene Menschen:

„Ein Schwein kann auch im Pferdestall geboren werden und ist deswegen kein Pferd.“

Menschen werden mit Zuchttieren verglichen. Deutsche Staatsbürger werden zu Fremdkörpern erklärt. Die Zugehörigkeit zum Land soll nicht mehr das Grundgesetz bestimmen, sondern eine imaginierte Blutlinie.

In einer weiteren Kommentarspalte fällt der Ausdruck „Afrika-K***-Ball“. Unter dem Beitrag eines früheren AfD-Spitzenpolitikers schreibt jemand über schwarze Spieler:

„Beim Baumwollpflücken lassen wir alle anderen alt aussehen.“

Das ist kein missverständlicher Humor. Das sind keine „besorgten Fragen“. Das ist offener, enthemmter Rassismus.

Und er kommt nicht allein aus anonymen Kellerlöchern.

Erst hetzt der Ideologe, dann „fragen“ die Bürgerlichen

Der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner verbreitet dieselbe Aufstellung und schreibt:

„The new ‚German‘ team. Without the little flag, you would have no idea.“

Das Wort „German“ setzt er in Anführungszeichen. Denn Sellner erkennt einen Deutschen offenbar nicht an seiner Staatsangehörigkeit, sondern an seinem Gesicht.

Andere formulieren vorsichtiger.

„Ist das echt?“, fragt der AfD-Politiker Julian Adrat.

„Was soll an dieser Mannschaft deutsch sein?“, fragt ein weiterer reichweitenstarker Account.

„Wenn man dazu Fragen hat, ist man Rassist, richtig?“, fragt Beatrice Achterberg.

Der frühere AfD-Spitzenpolitiker Georg Pazderski veröffentlicht lediglich das Bild und das Spielergebnis. Mehr muss er nicht schreiben. Seine Kommentarspalte versteht den Wink und erledigt den Rest.

Das ist die Methode: Der eine liefert die offene völkische Botschaft, der nächste stellt nur eine „Frage“, ein Dritter veröffentlicht scheinbar neutral das Bild. Anschließend darf das Publikum „Afrika-Elf“, „Bevölkerungsaustausch“ und „Remigration“ darunter schreiben.

Und wenn Kritik kommt, hat natürlich niemand etwas gesagt.

Man habe doch nur gefragt.

Man habe doch nur ein Bild gezeigt.

Man werde ja wohl noch feststellen dürfen, dass die Spieler schwarz sind.

Nein: Hier wird nicht festgestellt, wie Menschen aussehen. Hier wird aus ihrem Aussehen abgeleitet, dass sie keine Deutschen sein können.

Eine Kampagne ohne nachgewiesene Kommandozentrale

Innerhalb weniger Stunden verbreiteten mehrere Accounts dasselbe Bild mit nahezu derselben Botschaft. Der bislang früheste dokumentierte Beitrag erschien noch während des Spielabends. Kurz darauf folgte Sellner. Am nächsten Morgen griffen weitere reichweitenstarke und AfD-nahe Accounts das Motiv auf.

Ob jemand in einer gemeinsamen Chatgruppe den Befehl „Jetzt alle dieses Bild posten“ gegeben hat, ist nicht bewiesen.

Bewiesen ist aber das Muster: dieselbe Vorlage, dasselbe Feindbild, dieselbe rassistische Deutung und eine arbeitsteilige Verstärkung.

Eine moderne Propagandakampagne benötigt keine Pressestelle und keinen offiziellen Einsatzbefehl. Es genügt ein ideologisches Netzwerk, das dieselben Codes beherrscht. Einer wirft den Köder aus, andere erhöhen die Reichweite und die Kommentarspalten radikalisieren die Botschaft.

Es ist eine rassistische Schwarmkampagne.

Wie sollen sich diese Spieler fühlen?

Wir diskutieren über Accounts, Strategien und politische Netzwerke. Aber auf dem Bild sind Menschen.

Junge Männer, die in Deutschland geboren wurden. Die hier zur Schule gingen. Die in deutschen Vereinen ausgebildet wurden. Die für dieses Land spielen und das Trikot mit dem Bundesadler tragen.

Sie öffnen ihre Telefone und lesen, sie seien Ausländer. Eine „Afrika-Elf“. Das Ergebnis linker „Umvolkung“. Manche vergleichen sie mit Tieren. Andere fantasieren vom „Baumwollpflücken“.

Gleichzeitig verlangt genau dieses Milieu von ihnen „Heimatliebe“, „Nationalstolz“ und „deutsche Tugenden“.

Wie soll ein Mensch Stolz auf ein Land entwickeln, dessen selbst ernannte Patrioten ihm ununterbrochen erklären, dass er niemals dazugehören werde?

Diese Männer sollen für Deutschland kämpfen – aber ein Teil dieses Landes möchte ihnen nicht einmal gestatten, Deutsche zu sein.

Nicht die Mannschaft hat Deutschland blamiert

Man kann diese Aufstellung sportlich kritisieren. Man kann über Klopps Auswahl, fehlende Erfahrung, schlechte Abstimmung und die Niederlage gegen Griechenland streiten. Das alles gehört zum Fußball.

Aber wer aus einer Niederlage eine Rassenschau macht, analysiert kein Spiel. Er sortiert Menschen.

Wer deutsche Staatsbürger anhand ihrer Hautfarbe zu Ausländern erklärt, verteidigt Deutschland nicht. Er greift die Grundlagen dieses Landes an.

Die Nationalmannschaft hat ein Fußballspiel verloren.

Die Kommentarspalten haben etwas sehr viel Größeres verloren: Anstand, Menschenwürde und jedes Verständnis davon, was Deutschland im Jahr 2026 ist.

Die Schande trägt kein Trikot.

Sie sitzt vor dem Bildschirm, schmückt ihr Profil mit Deutschlandflaggen und verlangt von deutschen Nationalspielern wieder einen Abstammungsnachweis.

Wählt, was euch gut tut.

1 Kommentar

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
Elmar
28. Sept.
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Danke Günter für diesen wichtigen Beitrag. Rassismus und Fußball haben leider auch eine lange gemeinsame Geschichte. Ich muss immer wieder an diese Legendäre Pressekonferenz von Vincent Kompany erinnern.


Ich hoffe Kloppo wird sich dazu äußern. Denn, als er bei Amtsantritt meinte, man müsse die DFB Fahne wieder mit Stolz schwenken, meinte er glaube ich etwas anderes 🫣

Gefällt mir
bottom of page