Die Dummheit der anderen

Denken Sie einmal an einen dummen Menschen.
Nicht lange. Nur für einen Moment.
Haben Sie jemanden?
Gut.
Behalten Sie diesen Menschen ein wenig im Hinterkopf. Wir werden später noch einmal auf ihn zurückkommen.
Nur eines möchte ich Ihnen schon jetzt verraten:
Dieser Artikel handelt nicht von ihm.
Ich schreibe nämlich nicht über dumme Menschen.
Ich wüsste auch nicht, wer mir das Recht gäbe, einen Menschen so zu nennen. Zu schnell wird Dummheit mit mangelnder Bildung verwechselt, Bildung mit Intelligenz, Intelligenz mit Klugheit und Klugheit schließlich mit einem guten Schulabschluss.
Das Leben widerspricht dieser einfachen Ordnung täglich.
Es gibt Menschen, die in der Schule nicht aufgepasst haben. Menschen, die durch das Raster unseres Bildungssystems gefallen sind, vielleicht keinen Abschluss haben, sich mit Literatur, Geschichte oder Politik nie ausführlich beschäftigt haben – und die uns dennoch mit einer erstaunlichen Klarheit, Lebenserfahrung und Urteilskraft begegnen. Menschen, die zuhören können. Die fragen. Die sagen können:
„Das weiß ich nicht.“
Und es gibt die anderen. Musterschüler, Akademiker, Menschen mit beeindruckenden Abschlüssen, großer Bildung und hoher Intelligenz, bei denen man sich manchmal fragt, wie so viel Wissen mit so wenig Urteilskraft zusammengehen kann.
Man kann in der Schule gescheitert sein und ein kluger Mensch werden. Man kann Abitur mit Bestnoten machen, studieren und promovieren – und trotzdem gelegentlich strunzdumm denken.
Vielleicht liegt genau darin unser erstes Missverständnis:
Wir halten Dummheit für das Gegenteil von Intelligenz.
Robert Musil tat das nicht.
Dietrich Bonhoeffer auch nicht.
Und vielleicht haben Sie weder Musil gelesen noch sich jemals ausführlicher mit Bonhoeffer beschäftigt. Das spielt für die Frage, um die es hier geht, überhaupt keine Rolle.
Denn wahrscheinlich kennen Sie den Satz, der im Zentrum dieses Artikels steht:
„Das weiß ich nicht.“
Vielleicht steckt in diesen vier Wörtern mehr Klugheit als in mancher hundertseitigen wissenschaftlichen Abhandlung.
Musil und die höhere Dummheit
1937 hielt Robert Musil in Wien seinen Vortrag „Über die Dummheit“. Europa befand sich längst auf dem Weg in die Katastrophe. Faschismus und Nationalsozialismus hatten gezeigt, welche Macht Ideologien über ganze Gesellschaften gewinnen konnten. Ein Jahr später sollte Österreich an das Deutsche Reich angeschlossen werden.
Ausgerechnet in dieser Zeit spricht Musil über Dummheit.
Aber er hält keinen Vortrag über die Dummen.
Das wäre ihm vermutlich selbst verdächtig gewesen. Denn wer über Dummheit spricht, setzt sich beinahe zwangsläufig der Versuchung aus, sich selbst auf die Seite der Klugen zu stellen.
Musil unterscheidet vielmehr verschiedene Formen der Dummheit. Da ist zunächst jene schlichte Form, die wir gewöhnlich damit verbinden: begrenztes Wissen, geringere intellektuelle Fähigkeiten, mangelnde Erfahrung.
Und dann gibt es etwas anderes.
Musil nennt es die „höhere Dummheit“.
Sie ist viel interessanter – und vielleicht viel gefährlicher. Denn sie setzt keineswegs einen Mangel an Intelligenz voraus. Im Gegenteil: Sie kann sich mit Bildung, Eloquenz und beträchtlichen geistigen Fähigkeiten verbinden.
Das klingt zunächst paradox.
Wie kann ein intelligenter Mensch dumm sein?
Vielleicht deshalb, weil Intelligenz und Urteilskraft nicht dasselbe sind.
Ein intelligenter Mensch besitzt hervorragende Werkzeuge zum Denken. Aber Werkzeuge entscheiden nicht darüber, wofür sie eingesetzt werden. Intelligenz kann der Erkenntnis dienen. Sie kann aber ebenso dazu benutzt werden, eine längst gefasste Überzeugung immer raffinierter zu verteidigen.
Und hier kam mir beim Lesen Musils ein Gedanke:
Intelligente Dummheit kann gefährlicher sein als einfache Dummheit.
Nicht weil der weniger gebildete Mensch automatisch klüger wäre. Auch das wäre nur eine neue, umgekehrte Überheblichkeit.
Sondern weil der Mensch, der weiß, dass er etwas nicht weiß, noch fragen kann.
„Das weiß ich nicht. Erklär es mir.“
In diesem Satz steckt eine ungeheure Möglichkeit.
Die Möglichkeit, etwas zu erfahren.
Die intelligente Dummheit dagegen kann sich ihrer Sache vollkommen sicher sein. Und je stärker das eigene Selbstbild mit Intelligenz, Bildung und Urteilsfähigkeit verbunden ist, desto schwieriger kann der Satz werden:
Ich habe mich geirrt.
Denn nun muss nicht mehr nur eine Meinung korrigiert werden. Plötzlich steht das eigene Selbstbild auf dem Spiel.
Und ausgerechnet die Intelligenz liefert die Instrumente, um es zu verteidigen.
Ein Widerspruch muss dann nicht ignoriert werden. Man kann ihn wegargumentieren. Für eine unbequeme Tatsache findet sich eine Gegenthese, für die Gegenthese eine Quelle und für deren Widerlegung wieder eine andere Erklärung.
Der Verstand arbeitet auf Hochtouren.
Nur sucht er nicht mehr nach Erkenntnis.
Er sucht nach Bestätigung.
Das kennen wir alle.
Vielleicht ist deshalb Nichtwissen überhaupt nicht das Problem.
Nicht wissen zu wollen, könnte eines sein.
Sechs Jahre später: Bonhoeffer
1943 sitzt Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis Tegel.
Sechs Jahre sind seit Musils Vortrag vergangen. Was sich 1937 als politische Katastrophe angekündigt hatte, ist Wirklichkeit geworden. Deutschland führt Krieg. Millionen Menschen sind der nationalsozialistischen Herrschaft, dem Krieg und der systematischen Vernichtungspolitik zum Opfer gefallen.
Bonhoeffer denkt ebenfalls über Dummheit nach.
Und auch für ihn ist sie keine Frage des IQ.
Sein Gedanke geht noch einen Schritt weiter. Für Bonhoeffer ist Dummheit weniger ein intellektueller als ein menschlicher und gesellschaftlicher Defekt. Er beobachtet, dass große Machtentfaltung Menschen ihre innere Selbständigkeit nehmen kann.
Der Mensch hört nicht notwendig auf zu denken.
Aber er beginnt, in vorgegebenen Begriffen zu denken.
Parolen, Schlagworte und vermeintliche Gewissheiten treten an die Stelle eigener Prüfung. Bonhoeffer beschreibt sinngemäß die irritierende Erfahrung, dass man im Gespräch mit einem solchen Menschen irgendwann das Gefühl bekommt, gar nicht mehr mit ihm selbst zu sprechen. Aus ihm sprechen Sätze und Überzeugungen, die Besitz von ihm ergriffen haben.
Hier treffen sich Musil und Bonhoeffer auf bemerkenswerte Weise.
Musil fragt: Wie kann ein intelligenter Mensch trotzdem dumm denken?
Bonhoeffer fragt: Wie kann gesellschaftliche Macht Menschen dazu bringen, das eigene Denken aufzugeben?
Und beide führen zu derselben unbequemen Erkenntnis:
Bildung und Intelligenz allein schützen uns nicht.
Bonhoeffer hält Dummheit sogar für gefährlicher als Bosheit. Gegen das Böse könne man protestieren, es bloßstellen, ihm Widerstand entgegensetzen. Gegen Dummheit, schreibt er, seien wir häufig wehrlos. Argumente erreichen den anderen nicht mehr, weil Tatsachen nicht mehr danach beurteilt werden, ob sie wahr sind, sondern danach, ob sie in das bereits bestehende Weltbild passen.
Das Erschreckende daran ist nicht, dass ein Mensch zu wenig denkt.
Es ist, dass er seine geistige Selbständigkeit verliert.
Wir kennen das doch
Fast achtzig Jahre später erscheinen manche dieser Beobachtungen erschreckend gegenwärtig.
Wir leben in einer Zeit, in der nahezu jede Behauptung innerhalb von Sekunden eine Bestätigung finden kann. Wir tragen Geräte in unseren Taschen, die uns Zugang zu mehr Wissen ermöglichen, als irgendeine Generation vor uns jemals zur Verfügung hatte.
Und trotzdem bedeutet mehr Information offenbar nicht automatisch mehr Erkenntnis.
Soziale Netzwerke belohnen Eindeutigkeit stärker als Zweifel. Empörung verbreitet sich besser als Abwägung. Algorithmen lernen, was uns interessiert, was uns aufregt, was unsere Überzeugungen bestätigt – und liefern uns mehr davon.
Hinzu kommt ein sehr menschlicher Mechanismus.
Eine Nachricht bestätigt meine Überzeugung?
Ich überfliege sie vielleicht, teile sie und denke:
„Siehst du!“
Eine Nachricht widerspricht meiner Überzeugung?
Plötzlich beginnt die große Prüfung.
Wer hat das geschrieben? Woher stammen die Zahlen? Wem gehört dieses Medium? Welche Interessen könnten dahinterstehen? Ist die Statistik wirklich repräsentativ? Kann man dieser Zeitung überhaupt trauen?
Merkwürdig. Gestern waren wir noch nicht so anspruchsvoll.
Skepsis ist eine Tugend.
Merkwürdig wird sie nur, wenn sie ausschließlich gegenüber Tatsachen auftritt, die uns nicht gefallen.
Und irgendwann kommt zur Überzeugung die Zugehörigkeit.
Aus „Ich glaube, dass …“ wird:
„Wir wissen doch alle, dass …“
Dann steht bei einem möglichen Irrtum plötzlich mehr auf dem Spiel als eine Meinung. Wer seine Überzeugung korrigiert, riskiert vielleicht Anerkennung in seiner Gruppe. Er muss Menschen widersprechen, denen er vertraut. Möglicherweise verliert er sogar einen Teil jener Identität, die er sich über Jahre aufgebaut hat.
Aus:
„Ich kann mich nicht irren.“
wird:
„Wir können uns nicht irren.“
Spätestens dann wird aus Musils psychologischem Problem Bonhoeffers gesellschaftliches.
Und jetzt kommt die Falle
Erinnern Sie sich an den Menschen, an den ich Sie zu Beginn dieses Artikels denken ließ?
Vielleicht ist er Ihnen während der letzten Seiten sogar noch häufiger in den Sinn gekommen.
Vielleicht ein Kollege.
Ein Verwandter.
Ein Politiker.
Vielleicht die Anhänger einer politischen Partei, die Sie ablehnen. Vielleicht Menschen, deren Äußerungen in sozialen Netzwerken Sie regelmäßig fassungslos machen.
Vielleicht haben Sie an mehreren Stellen gedacht:
Genau das ist es. Genau diese Menschen sind gemeint.
Jetzt können wir diesen Menschen gehen lassen.
Denn er war nie der Gegenstand dieses Artikels.
Sie sind es.
Und ich.
Wir sind es.
Während ich diese Zeilen schreibe, ertappe ich mich selbst dabei, Menschen vor Augen zu haben, auf die Musils oder Bonhoeffers Gedanken meiner Meinung nach erschreckend gut passen.
Auch ich bin versucht, über die Dummheit der anderen nachzudenken.
Wie bequem.
Denn solange die Dummheit immer bei den anderen wohnt, brauche ich meine eigenen Gewissheiten nicht zu untersuchen.
Vielleicht wäre es sogar eine besonders raffinierte Form jener „höheren Dummheit“, Musil zu lesen und anschließend zufrieden festzustellen, dass er endlich erklärt hat, warum die anderen so dumm sind.
Bonhoeffer könnte dasselbe widerfahren.
Man könnte seinen Text über den Verlust selbständigen Denkens lesen und ihn als intellektuelle Waffe gegen den politischen Gegner verwenden.
Man hätte Bonhoeffer verstanden.
Und vielleicht gerade deshalb nichts verstanden.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht:
Warum erkennen die anderen nicht, dass sie sich irren?
Die schwierigere Frage lautet:
Bei welcher meiner eigenen Überzeugungen bin ich so sicher, dass ich aufgehört habe, sie zu prüfen?
Darauf eine Antwort zu finden, ist wesentlich unangenehmer.
„Das weiß ich nicht“
Vielleicht müssen wir deshalb einen Satz rehabilitieren, der in einer Welt permanenter Meinungen beinahe wie ein Eingeständnis von Schwäche klingt:
Das weiß ich nicht.
Es ist ein erstaunlicher Satz.
Er verlangt keinen Universitätsabschluss.
Keinen bestimmten IQ.
Keine besondere Bildung.
Nur die Bereitschaft anzuerkennen, dass die Grenzen des eigenen Wissens nicht mit den Grenzen der Wirklichkeit identisch sind.
Ein Mensch, der sich selbst vielleicht für wenig gebildet hält und sagt: „Davon verstehe ich nichts, aber ich würde es gerne verstehen“, besitzt in diesem Moment etwas Kostbares.
Eine offene Tür.
Wer dagegen überzeugt ist, bereits alles Wesentliche verstanden zu haben, braucht keine Tür mehr.
Er hat sie geschlossen.
Deshalb wäre es ebenso falsch, nun eine neue Hierarchie zu errichten und zu behaupten, weniger Gebildete seien die eigentlich Klugen und Akademiker die eigentlich Dummen.
Das wäre dieselbe Arroganz mit vertauschten Vorzeichen.
Der Bildungsgrad sagt erstaunlich wenig darüber aus, wie offen ein Mensch für die Möglichkeit des eigenen Irrtums ist.
Vielleicht beginnt Klugheit deshalb nicht mit Wissen.
Vielleicht beginnt sie mit der Fähigkeit, das eigene Nichtwissen auszuhalten.
Was schützt uns?
Wenn Musil und Bonhoeffer recht haben, bleibt am Ende eine beunruhigende Frage.
Wenn Bildung uns nicht zuverlässig schützt und Intelligenz ebenfalls nicht – was dann?
Vielleicht etwas, das viel unspektakulärer klingt:
intellektuelle Demut.
Nicht die kokette Bescheidenheit eines Menschen, der weiß, dass er klug ist und das gelegentlich herunterspielt.
Sondern die ernsthafte Bereitschaft, die Möglichkeit des eigenen Irrtums offenzuhalten.
Das bedeutet nicht, keine Überzeugungen mehr zu haben.
Im Gegenteil.
Eine Demokratie braucht Menschen mit Überzeugungen. Sie braucht Streit, Widerspruch, Leidenschaft und klare Positionen.
Aber zwischen Überzeugung und Gewissheit liegt ein entscheidender Unterschied.
Ich kann von etwas überzeugt sein und trotzdem bereit bleiben, mich durch bessere Argumente oder neue Tatsachen korrigieren zu lassen.
Ich kann sagen:
Ich glaube, dass ich recht habe. Aber ich könnte mich irren.
Vielleicht liegt darin eine Form geistiger Freiheit.
Bonhoeffer dachte Dummheit als Verlust innerer Selbständigkeit. Dann wäre ihr Gegenmittel nicht bloß Wissen, sondern Freiheit: die Freiheit, sich der Gruppe nicht vollständig auszuliefern. Die Freiheit, einer Parole zu widersprechen, auch wenn sie aus dem eigenen Lager kommt. Die Freiheit, eine Tatsache anzuerkennen, obwohl sie der eigenen Überzeugung widerspricht.
Und auch die Freiheit, seine Meinung zu ändern, ohne dies als persönliche Niederlage empfinden zu müssen.
Vielleicht ist das heute schwieriger geworden.
Vielleicht war es aber schon immer schwierig.
Die Dummheit der anderen
Ich weiß nach der Beschäftigung mit Musil und Bonhoeffer noch immer nicht, was ein „dummer Mensch“ ist.
Vielleicht ist das ganz gut so.
Ich möchte es auch gar nicht wissen.
Denn Menschen auf diese Weise einzuteilen, würde genau jene Selbstgewissheit voraussetzen, die mir inzwischen verdächtig geworden ist.
Ich weiß nur, dass intelligente Menschen töricht denken können. Dass wenig Bildung einen Menschen nicht dumm macht. Dass große Bildung nicht vor Selbsttäuschung schützt. Dass Macht, Gruppenzugehörigkeit und Ideologie unsere Urteilskraft beeinflussen können.
Und dass niemand von uns sicher außerhalb dieser Gefahr steht.
Auch ich nicht.
Vielleicht besteht die wichtigste Trennlinie deshalb gar nicht zwischen klugen und dummen Menschen.
Vielleicht verläuft sie immer wieder neu – in jedem von uns.
Zwischen dem Wunsch, recht zu behalten, und der Bereitschaft, verstehen zu wollen.
Zwischen Gewissheit und Zweifel.
Zwischen:
„Ich weiß es.“
und:
„Vielleicht irre ich mich.“
Die Dummheit der anderen zu erkennen, ist leicht.
Die Möglichkeit der eigenen zuzulassen, ist sehr viel schwerer.
Vielleicht beginnt genau dort die Klugheit.



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