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Der Krieg im Hörsaal – der Mensch im Schützengraben

18. Okt.
3 Min. Lesezeit
Einordnung-Kachel „Der Krieg im Hörsaal – der Mensch im Schützengraben“: Ein heller Hörsaal mit strategischer Landkarte geht in das Bild eines Soldaten im Schützengraben über.

Warum mich eine kluge Diskussion über militärische Strategien verstört zurückließ


Ich schaue gerne politische Diskussionen, besonders wenn Fachleute komplizierte Zusammenhänge verständlich machen. Deshalb blieb ich bei einer Ausgabe von „Die Diskussion“ auf Phoenix hängen. Unter der Überschrift „Militärisch überlegen – Krieg verloren?“ sprachen Ulrike Franke, Frank Sauer, Carlo Masala und Thomas Wiegold darüber, warum militärisch schwächere Staaten überlegene Gegner besiegen können.


Es ging um asymmetrische Strategien, neue Technologien, Durchhaltevermögen und den Willen, einen Krieg gewinnen zu wollen. Die zentrale These: Wer angegriffen wird, kämpft häufig um seine Existenz und hat deshalb mehr zu verlieren als der Angreifer.


Das ist eine berechtigte Frage. Trotzdem wurde mir beim Zuhören zunehmend unbehaglich.

Nicht, weil ich den Ausführungen nicht folgen konnte. Sondern weil die Diskussion auf mich irgendwann wie die Analyse eines anspruchsvollen Computerspiels wirkte: Welche Strategie schlägt welche? Wie lange hält eine Gesellschaft durch? Wie lässt sich militärische Unterlegenheit durch Entschlossenheit ausgleichen?


Diese Fragen sind wichtig. Militärische Überlegenheit garantiert keinen politischen Erfolg, wie Afghanistan oder der Irak gezeigt haben. Auch die Ukraine kann ohne eine realistische Betrachtung militärischer Möglichkeiten nicht wirksam unterstützt werden.


Meine Kritik richtet sich deshalb nicht gegen die Beteiligten. Carlo Masala höre ich grundsätzlich gerne zu. Seine Analysen sind häufig kenntnisreich und erhellend. Er war zudem nur einer von mehreren Teilnehmern dieser Runde.


Mich irritierte die Perspektive der gesamten Sendung.


Wo waren in all diesen strategischen Überlegungen die Menschen? Die Soldaten, die sterben, verstümmelt oder traumatisiert nach Hause zurückkehren? Die Familien, die ihre Angehörigen verlieren? Die Zivilisten unter den Trümmern?


Sie kamen in der Logik der Diskussion als Kampfkraft, Verlustquote oder Durchhaltefähigkeit vor. Wissenschaftliche Analyse muss abstrahieren. Doch wenn diese Abstraktion die gesamte Debatte bestimmt, verlieren die Menschen ihr Gesicht.


Der Mann hinter dem „Siegeswillen“


Während im Kölner Sendesaal über den Willen zum Sieg gesprochen wurde, musste ich an Dmytro Dokunov denken. Über ihn und den Dokumentarfilm „Ein Pazifist im Krieg – Tagebuch eines ukrainischen Soldaten“ habe ich bereits in einer früheren Kolumne geschrieben.


Dmytro ist Künstler und Filmemacher. Vor dem russischen Angriff lebt er in einer ländlichen Öko-Kommune und hält Krieg für eine archaische Form der Konfliktlösung. Als er zum Militär einberufen wird, entscheidet er sich trotzdem, sein Land zu verteidigen.


Bei seinem ersten Einsatz stirbt sein Kommandeur. Auch einen seiner engsten Kampfgefährten verliert er. Später wird Dmytro selbst Kommandeur und muss Entscheidungen treffen, deren Folgen tödlich sein können. Ein verhängnisvoller Befehl lässt ihn mit Schuldgefühlen zurück. Schließlich wird er verwundet.


In einer militärischen Analyse könnte Dmytro als Beispiel für die hohe Motivation des existenziell bedrohten Verteidigers erscheinen. Er besitzt jenen „Willen zum Sieg“, über den im Studio gesprochen wurde.


Im Film erhält dieser Begriff eine andere Bedeutung. Dmytro sagt:

„Ich will nicht entscheiden, wer als Nächster stirbt.“

Zwischen der Formulierung „Wille zum Sieg“ und diesem Satz liegt die Wirklichkeit des Krieges.


Was ein Sieg kostet


Ein Land kann seine Unabhängigkeit bewahren und dennoch verwüstet zurückbleiben. Eine Armee kann den Angreifer zurückschlagen, während Friedhöfe wachsen und eine ganze Generation mit körperlichen und seelischen Verletzungen weiterleben muss.


Das ist kein Argument für Kapitulation. Wer einem angegriffenen Land die Gegenwehr abspricht, überlässt dem Angreifer die Entscheidung über dessen Zukunft. Die Ukraine hat das Recht, sich zu verteidigen.


Aber neben der Frage, wie ein Krieg gewonnen werden kann, gehört zwingend die Frage, was dieser Sieg kostet.


Wir brauchen militärische Analysen, weil politische Entscheidungen sonst naiv bleiben. Doch gerade öffentlich-rechtliche Diskussionen dürfen nicht beim strategischen Modell enden. Zu einer vollständigen Betrachtung gehören auch diejenigen, die den Preis der analysierten Strategien mit ihrem Körper, ihrer Psyche und ihrem weiteren Leben bezahlen.


Im Hörsaal lässt sich Krieg ordnen. Man kann Kräfteverhältnisse berechnen und Bedingungen für Sieg oder Niederlage bestimmen. Im Schützengraben gibt es diese Distanz nicht.


Wenn Militärexperten darüber sprechen, wie Kriege gewonnen werden, muss wenigstens einer im Raum daran erinnern, was dabei für immer verloren geht.

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